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Helene Hegemann: Jage zwei Tiger : Alles ist pseudo in dieser Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Berlin

Helene Hegemann, die mit „Axolotl Roadkill“ berühmt wurde, hat einen neuen nervenden Roman geschrieben: „Jage zwei Tiger“ handelt von der Suche nach allem und nichts.

          5 Min.

          Nicht nur für ihr Alter hat Helene Hegemann bereits viel erlebt. Geboren 1992 in Freiburg und nach dem Tod der Mutter mit dreizehn nach Berlin zum Vater Carl und an dessen Volksbühne gekommen, schrieb sie mit vierzehn ihr erstes Drehbuch, sah mit fünfzehn die Uraufführung ihres Theaterstücks „Ariel 15“, gewann mit sechzehn den Max-Ophüls-Preis für den Film „Torpedo“ und veröffentlichte im Jahr darauf den ästhetisch so umstrittenen wie kommerziell erfolgreichen Roman „Axolotl Roadkill“, der die Republik mit dem Berliner Club Berghain bekannt machte. Helene Hegemann ist Bloggerin, Schauspielerin und Regisseurin. Dass sie außerdem eine ernstzunehmende Schriftstellerin sei, will sie mit ihrem neuen, am Montag erscheinenden Roman beweisen.

          „Jage zwei Tiger“ erzählt mit ungeheurem Sprachaufwand von ein paar Jugendlichen und ihrem Versuch, eine eigene Haltung zur Welt einzunehmen, allen voran Kai und Cecile. Kai ist Halbwaise, nachdem er mit elf Jahren den Tod seiner Mutter erleben muss, weil Jugendliche von einer Brücke einen Stein auf ihr Auto warfen. Die Art, wie uns diese erste echte - denn behauptete gibt es ständig - Tragödie des Romans präsentiert wird, ist symptomatisch für das ganze Buch: „Das Auto bleibt nicht sofort stehen, sondern rast mit dieser erschlagenen Mutter am Steuer, das dementsprechend außer Kontrolle geraten ist, noch durch die Leitplanke auf ein Stück Wiese, um dort endlich anzuhalten. Hardcore, oder? Aber irgendwie auch geil.“

          Alles von Kokain über Essstörungen bis Ritzen

          Nach diesem Erlebnis, das ihn naturgemäß in einen „sehr porösen Zustand“ versetzt, beschließt Kai, sich von keiner menschlichen Bindung mehr abhängig zu machen - und verliebt sich gleich darauf nachhaltig in das einarmige Zirkusgirl Samantha, nicht wissend, dass sie eine derjenigen war, die den Stein des Todes geschmissen haben.

          Sein über Jahre anhaltender Wunsch, Samantha wiederzusehen, bildet zum Schluss des Buches das romantische Motiv für die zweite große Flucht seines jungen Lebens, auf welcher der surreal anmutende Zirkus nur eine Zwischenstation bildet. Erst einmal aber zieht Kai nach München zu seinem Vater, einem nervlich nicht belastbaren und akut beziehungsgestörten Kunsthändler Mitte vierzig, in dessen Wohnung eines Tages ein Mädchen auftaucht, das „etwas erlebt hatte, das weit über ihr Alter oder diesem Alter zugeordnete, gesellschaftlich akzeptierte Erfahrungswerte hinausging“.

          Diese Cecile, einige Jahre älter als Kai, hat von Kokain über Essstörungen bis Ritzen schon einige Selbstzerstörungsrituale perfektioniert. Ihre Eltern gehören zu der in diesem Roman dominanten Sorte der Leute, die Geld mit Fürsorge gleichsetzen und ihre Tochter schon mal anderthalb Jahre lang nicht zu Gesicht bekommen, ohne dass es ihnen auffiele.

          Grell, übertrieben und überzeichnet

          Als es Cecile in einem raren Zugeständnis nach Trostbedürftigkeit doch einmal zu ihnen verschlägt, schickt die Mutter eine SMS mit der Wegbeschreibung zum Esszimmer in dem weitläufigen neuen Domizil und bittet die Tochter, den Vater nicht mit umherliegenden Zigarettenkippen aus der Fassung zu bringen. Ceciles nächste und vergleichsweise heimelige Station ist eine WG von Gleichgesinnten in Worms, dann begegnet sie nach einigen weiteren Umwegen in einer Punkbar Kais Vater, verliebt sich in ihn, was indes nicht auf Gegenseitigkeit beruht, zieht aber bei ihm ein.

          Die übersprudelnde, alle Beschreibungen ins Grelle, Übertriebene und Überzeichnete ziehende Erzählstimme gehört einem Ich, das außer zu Beginn nur selten in Erscheinung tritt und übergangslos die Perspektiven von Kai, Cecile oder anderen einnimmt - nur nie die der sogenannten Erwachsenen, deren Verhalten in den geweiteten Pupillen ihrer wohlstandsverwahrlosten Nachkommen durchaus wirkungsvoll gespiegelt wird. Es ist eine gänzlich auf Äußerlichkeiten fixierte Welt, in der jedes Teil, vom Minottisofa bis zum Jürgen-Teller-Original, ein Label trägt, das danach schreit, von Insidern erkannt zu werden. Dieses manische Registrieren sämtlicher „pseudosubversiver Statements“ in Kleidung und Ausstattung gefällt sich vor allem selbst.

          Der Roman krankt an Hegemanns Drang, das Geschehen zu bequatschen

          Der Roman krankt an Hegemanns Drang, das Geschehen nicht nur zu schildern, sondern auch aufladend zu kommentieren und zu bequatschen. Offenbar glaubt sie, damit der Gefahr begegnen zu müssen, dass praktisch alle Leser dieses Buches weniger Durchblick haben als die Verfasserin selbst. Also werden wir gnadenlos aufgeklärt, wieder und wieder, was hier eigentlich verhandelt wird: „Es ging um die gottverdammte Widersprüchlichkeit des Menschen. Um die Tatsache, dass Jesus für uns und unsere Sünden gestorben war. Und um Erlösungsstrategien, die in jedem Menschen und in der Sinnlosigkeit unserer Existenzen verborgen lagen.“

          Alles ist hier kaputt: die in Egozentrik verödeten menschlichen Beziehungen; die von zu viel, zu wenig oder zu toxischer Nahrung, von Alkohol und Drogen malträtierten Körper; die Sprache, die keine Normalität und Leichtigkeit kennt, sondern nur das pathetische Wummern der Superlative, der Füllwörter und der Hypotaxen.

          Mit ihrem von Anglizismen durchsetzten und von der Bedeutungsschwere jedes seiner Gedanken überladenen Jugendjargon bedient sich Hegemann einer Kunstsprache, die ihre eigene Zerstörtheit und die ihrer Beobachtungen immerzu mitzureflektieren sucht: „Diese komplexe Sinneswahrnehmung verringerte sich sowieso durch den intensiven Glauben an ultimative Erfüllung durch sichtbar gewordenes Leid oder so was, Schmerz war egal und der uninteressanteste Aspekt, leider.“ Macht man sich anfangs noch die Mühe, solche Schwurbeleien nachvollziehen zu wollen, versiegt die Bereitschaft doch bald.

          Einfach mit ihrer Jugend oder ihrer Erfahrung zu kokettieren wäre dieser Autorin zu banal - das können andere ihres Alters schließlich auch. Nein, Helene Hegemann legt immer noch eins drauf. Sie kokettiert mit dem Kokettieren, liefert zum Handeln ihrer Figuren die Interpretation, stellt deren Abgefeimtheit ebenso aus wie ihre Verletzungen und will ihren desolaten Jugendlichen so mindestens die mythische Dimension eines Jedermann verleihen. Nicht einfach, sondern vielfach gebrochen ist die hedonistische Welt, aus der hier in einem Akt der aggressiven Selbstverteidigung zur Vermeidung weiterer seelischer Wunden erzählt wird.

          Auch Rebellion kann spießig sein

          Das ist clever gemacht und könnte tatsächlich entwaffnend wirken, wenn die Macken und Fehler nicht so genau kalkuliert und erkennbar gewollt wären - und das bloß, weil Perfektion als Inbegriff von Spießertum gilt, und spießig zu sein in diesem Milieu möglicherweise sogar schlimmer ist als der Tod. Dass die panische Vermeidung angeblicher Normalität selbst etwas Spießiges hat, erkennt Hegemann nicht, weil sie so damit beschäftigt ist, dem Leser, den Figuren, ja letztlich sich selbst immer noch einen Dreh voraus sein zu wollen.

          Also darf es nicht weniger sein als die Suche nach Erhabenheit, die den Roman und seine Charaktere umtreibt - ein Ich-Gefühl, das einen unerreichbar macht und damit endlich Sicherheit verleiht. Dass es dafür allerdings höhere Instanzen braucht, sehen schließlich auch Cecile und Kai ein: Sie heiraten, um der Sinnlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Auch Rebellion kann spießig sein.

          Superschlauer, megaabgeturnter und ultrainsiderischer Narzissmus

          Helene Hegemann hat keinen Bildungs-, keinen Generationen- und keinen Coming-of-Age-Roman geschrieben, ja, sie hat sich nicht einmal dazu durchringen ringen können, die verkorksten und selbstsüchtigen Erwachsenen mit Schmackes zu denunzieren: „Es ging nicht um ein bestimmtes Jahrzehnt, eine bestimmte Generation oder gar um eine Grenze zwischen Generationen - es ging um Auflösung von Grenzen.“

          Das Problem ist, dass dieses Buch, das so vermeintlich lässig und dabei extrem befangen mit Begriffen wie Erlösung, Liebe und Identität jongliert, im Grunde gar nichts will - außer gefallen. Vor allem sich selbst. Es ist der in jedem seiner vorgeblich superschlauen, megaabgeturnten und ultrainsiderischen Sätze ausgestellte Narzissmus, der „Jage zwei Tiger“ so nervig macht. Einer von Ceciles Lieblingsgedanken lautet: „Whatever.“ Das Scheißegalgefühl der Jugend - lange war es einem nicht so nah wie nach der Lektüre dieses Buchs.

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