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Helen Garner: Das Haus in der Bunker Street : So macht man das also heute

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Bild: Verlag

Australiens Beitrag zur Weltliteratur: Helen Garner lässt in ihrem Roman „Das Haus in der Bunker Street“ die Musik all das erklären, woran die Sprache und der Verstand meist scheitern.

          Erneut können deutsche Leserinnen und Leser die bedeutende australische Erzählerin Helen Garner entdecken. Vor anderthalb Jahren war es ihr jüngster, bewegender Roman „Das Zimmer“ über die Freundschaft zweier alternder Frauen, über Kurpfuscher und die Sterbebegleitung in den Krebstod, der als erstes ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt worden ist und zu Recht hohes Lob fand (F.A.Z. vom 18. Februar 2009). Jetzt folgt ein Roman aus dem Jahr 1984, der sich nun auch auf Deutsch als ein subtiles Wunderwerk über menschliche Beziehungen und geschichtlichen Wandel enthüllt.

          Besuch, eher zufällig, bricht ein in das titelgebende „Haus in der Bunker Street“ in Melbourne, wo Dexter, der liebevolle Vater von Arthur und dem autistischen Billy - „es war, als würde man ihn unter Wasser anschauen“ -, mit seiner Partnerin Athena lebt. Zu Gast ist Vicki, siebzehnjährig, die um zwei Jahrzehnte jüngere Schwester jener Elizabeth, die mit Dexter einmal „fast wie Bruder und Schwester“ gelebt hatte. Aber nun hatten sich die beiden in der großen Stadt aus den Augen verloren, bis sie durch Vickis Besuch wieder in Berührung miteinander kommen. Nur vergeht Vergangenes nach eigenen Gesetzen, und davon erzählt Helen Garners Roman.

          Die Bunker Street wird für Vicki zur Lebensform

          Es wird lange dauern, bis Vicki erkennt: „In dieser Familie geschieht gerade etwas Entscheidendes, und ich hänge mit drin, ob es mir nun passt oder nicht.“ Noch schwerer wird es zu fassen sein, worum es sich bei diesem „Entscheidenden“ handelt. Außerhalb der Familie ist da zum Beispiel noch Philip, Gitarrist in einer Rockband, der sich einen kleinen Harem von Groupies hält und den Dexter Elizabeth ernsthaft als Ehemann vorschlägt, denn „ich will, dass du glücklich verheiratet bist“. Das Ansinnen trägt ihm aber nur Gelächter und Spott ein.

          Athena jedoch wird Philip eines Tages aus Neugier und sexueller Einsamkeit in Sydney besuchen - schmerzlich-unbegreiflich für den gutmütigen, arglosen Dexter, bis er selbst eines Tages von Vicki verführt wird. Nun kann sich keiner über den anderen beschweren, er nicht über Athena, und sie nicht über ihn: „Das war dann also“, meditiert er, „das moderne Leben, diese nahtlose Logik, dieser gesunde Menschenverstand, dieses stillschweigende ,Wie du mir, so ich dir'.“ So macht man das also heute. „Dexter gefiel es nicht. Aber jetzt war er Teil dieses moralischen Universums, und es gab keinen Weg zurück.“

          Ja, hier ist Entscheidendes durcheinandergeraten, Familienstrukturen haben sich gelockert, ein neues „moralisches Universum“ ist entstanden. Die Bunker Street wird für Vicki zur Lebensform, geradezu ihr „Gott“, ein Wirrwarr, dem „eine großzügige Ordnung zugrunde lag“ mit „Ausbrüchen von Aktivität, denen Zeiten sonniger Ruhe folgten“.

          Im Wandel der Einstellung

          Helen Garners Roman es ist ein Buch, dessen erzählerisches Filigranwerk sich erst nach und nach enthüllt. Nichts Geringeres als ein Stück moderner Geschichte des vergangenen Jahrhunderts reflektiert dieses schmale Werk. Dexter erinnert sich an „die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg“, intoniert sogleich „Verdammte Mö-ö-örder“ und stimmt danach das Trinklied aus „La Traviata“ an. Denn die Politik hat ihn mit seinem „einfachen, offenen Gesicht“ nie wirklich berührt im Inneren seiner „Herzensgüte“.

          Es sind Momente im Wandel der Einstellung eines gesellschaftlichen Wertbewusstseins, insbesondere im Umgang der Geschlechter, die Garner in diesem Buch einfängt, ohne dabei auch nur im mindesten erklären und schon gar nicht urteilen zu wollen. „Du musst zwischen dem, was du verstehst, und dem, was du nicht verstehst, eine klare Linie für dich finden. Zwischen dem Klischee und dem Rest. Versuche nicht, es von vorne bis hinten durchzukauen. Erkläre nicht alles. Lass was offen. Alles andere erledigt die Musik“, erläutert Philip es Athena einmal.

          Zeichnung der Perspektiven durch die Musik

          Und in der Tat: Garners Buch ist voll von Musik; sein Originaltitel lautet „Bach für Kinder“ nach einem Notenbüchlein auf Dexters und Athenas Klavier. Und die Bachsche Musik bildet so etwas wie ein Basso continuo des Romans; am Anfang wird Athena die leichtesten seiner Präludien spielen, und am Ende sitzt sie wiederum mit Bach am Klavier. Und irgendwo in der Jukebox erklingen Elvis Presley und Elisabeth Schwarzkopf. Dazwischen hört oder spielt man Rock sowie Bartók, Kabalewskij, Ravel, Berlioz, Verdi, Wagner, Haydn und Mozart. Das klingt nach Weitschweifigkeit oder Beliebigkeit, ist aber alles andere als das, denn Garner verbindet die Namen mit den Zuständen ihrer Gestalten. Über Dexter heißt es einmal: „Er ist wie eine Figur aus einem russischen Roman, oder aus einer Wagneroper. Eine vornehme Seele.“

          Denn Helen Garner ist eine vorzügliche, genau beobachtende Erzählerin, die mit wenigen präzisen Worten wie denen von „den Nadelklängen des Cembalos“ Wirklichkeit sprachlich sichtbar, hörbar und greifbar macht. Und ihre Perspektiven werden auch durch die Musik gekennzeichnet, denn so detailgenau das Leben in den großen australischen Städten gestaltet wird - Garner verzichtet auf alle modischen Australianismen und lokale Versatzstücke. Ihre Bücher gehören der Weltliteratur. Glücklicherweise gehen die beiden Übersetzer darauf mit großem Verständnis ein. Nur eine dringende Bitte an alle Übersetzer australischer Bücher: die „Gum Trees“ sind keine Gummibäume, wie sie deutsche Wohnstuben oder Wintergärten zieren, sondern die schönen, hohen Eukalyptusbäume mit den duftenden Blättern.

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