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Heinz Strunks Erzählungen : Es gibt nichts, was es nicht gibt

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Es wird immer unheimlicher: Heinz Strunk, Chronist des Elends in der Welt. Bild: dpa

Heinz Strunk debütiert mit Erzählungen. Wen schon sein „goldener Handschuh“ erschreckte, sollte vorsichtig sein.

          5 Min.

          Unaufhaltsam geht Heinz Strunk weiter. In seiner literarischen Entwicklung, die mit dem Kassenschlager „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004) begann und mit dem Schocker „Der goldene Handschuh“ (2016), für den er den Raabe-Preis bekam, ihre bisher spektakulärste Wendung nahm, ist er inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem sein Überdruss am realistisch-genauen, wenn man so will: bürgerlichen Erzählen an die Oberfläche kommt. Spürbar war er von Anfang an – allenthalben eingestreute, manchmal fast wie eine Manie wirkende Wendungen wie „undundund“, „oderoderoder“ und „zu dick, zu träge, zu alles mögliche“ verdankten sich keiner Verlegenheit, wofür mancher sie halten mochte; sie waren immer schon Ausdruck der Ungeduld, die Strunk an den Tag legte, wenn es darum ging, Eigenschaften und Möglichkeiten des Erzählten in ihrer Länge und Breite zu Papier zu bringen.

          Edo Reents
          (edo.), Feuilleton

          Dieser Unwille schlägt jetzt direkt auf die Form durch. „Das Teemännchen“ ist Strunks erster Band mit Erzählungen, wenn man darunter auch sogenannte Miniaturen von wenigen Zeilen Länge verstehen mag, mit denen Strunk dann allerdings vollends das realistische Terrain verlässt und sich dem Surreal-Phantastischen, gelegentlich auch Gleichnishaften zuwendet. Fünfzig Stücke auf zweihundert Seiten – einen Hang zur ausufernden Epik hat Strunk schon von Haus aus, als Musiker und Mitglied des unkonventionellen Gag-Trios Studio Braun, nicht; aber der Wille zu solcher Kürze überrascht nun doch. Verharmlosend und in Analogie zu seiner Bühnenkunst ließe sich von „Nummernrevuen“ sprechen. Sie haben es in sich.

          Böser war Strunk nie

          Natürlich war „Der goldene Handschuh“ der Gipfel der Trostlosigkeit; aber das neue Format verlangt, im Gegensatz zur gleichsam monographischen Ausbreitung, nach einer größeren Fülle und Variationsbreite der Figuren und Schicksale, die in ihrer Summe den Leser noch mehr erschrecken – und beeindrucken. „Böser“, so war schon zu hören, war Strunk nie. Das trifft zweifellos zu. In den Mini-Erzählungen gibt, wie einst bei Heinrich von Kleist, manchmal nur eine Nachricht über eine unerhörte Begebenheit, die Strunk sich oft auch einfach nur ausdenkt, den Anlass: ein arm- und beinloser Mann, der als Sexualstraftäter verurteilt wird; ein Schuhmacher, der die drei größten Männer der Welt als Kunden hat; Menschen, die entweder so klein sind, dass sie ins Klo fallen und sich aus Versehen wegspülen, oder die tagsüber rapide wachsen und nachts auf Däumelingsgröße schrumpfen; Lothar Späth, dessen Ableben in den Medien nur noch unter ferner liefen vorkommt; ein Mann, der plötzlich keinen Grundumsatz hat und, wenn er nichts unternimmt, im Jahr 150 Kilo zunimmt; und jener Rainer-Peter Pohl, „der einzige Mensch, bei dem der Arsch vorn und der Schwanz hinten ist“.

          Heinz Strunk: „Das Teemännchen“. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 
208 S., geb., 20,– €.
          Heinz Strunk: „Das Teemännchen“. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 208 S., geb., 20,– €. : Bild: Rowohlt Verlag

          Diese Skizzen, die keine überflüssigen Informationen enthalten, sind bevölkert von Menschen, für welche die Gesellschaft keine Verwendung (mehr) hat. Strunk verzichtet auf jede Handlung, in der sich so etwas wie ein Charakter zeigen oder entfalten könnte. F. Scott Fitzgeralds Maxime „Action is character“ läuft ins Leere. Mit ungerührtem Fatalismus dokumentiert Strunk das Unabänderliche, das mit der körperlichen Behausung für die unschönen Seelen gegeben ist. Diesem Determinismus sind auch seine Romane unterworfen; was in ihnen vor sich geht, geschieht im Zeichen unabänderlicher Benachteiligungen und trägt schon deswegen meistens den Stempel des Vergeblichen oder des Katastrophalen. Erträglich gemacht wird das durch Komik, die sich in die Kürzesterzählungen allerdings kaum einmal einschleicht. Die Trostlosigkeit wird nur durch das Grotesk-Unwahrscheinliche etwas heruntergedimmt. Für Mitleid oder auch nur Mitgefühl ist kein Raum, auch nicht bei dem namen- und alterslosen Mann, der an den sich drehenden Rotorblättern einer Windkraftanlage hängt; man erfährt nicht, warum, ein Sinnbild dafür, dass in einer immer weiter technisierten Welt archaische Strafen ihren Schrecken keineswegs eingebüßt haben.

          Nichts Menschliches ist ihm fremd

          Sonderlich harmlos war Heinz Strunk von Anfang an nicht. Sein Hang zum Bösen, den er jetzt an den Tag legt, verblüfft in dieser Hülle und Fülle nun aber doch. Und wie sich das für guten Horror gehört, ist das Böse einfach gesetzt, ohne jede Erklärung. Dass ein Heroin-Junkie plötzlich hinter einer Frau mit Kinderwagen auftaucht, das Baby anspuckt, beide zu Tode erschreckt und dann aber einfach wieder verschwindet, das kommt vor. Und warum? „Irgendetwas hat ihn aktuell aus dem Gleichgewicht gebracht. Unterstützung gekürzt, Fahrrad geklaut, Fernseher oder Gebiss kaputt, irgend so was.“ Es gibt Menschen, in der Regel Männer, die nur noch dem dumpfesten Trieb nachgehen, wie ein gefährliches Raubtier: „Er ist flink, schlau; mit fischartiger Geschmeidigkeit und rammeliger Wut bahnt er sich seinen Weg ... Sein Schwanz ein stinkender, nasser, fettiger Pilz, mit dem er in alles eindringt, alles wegräumt, was ihm im Wege steht.“ Und um die Studentenkneipe „Madhaus“, in der zwei geradezu vertierte junge Wirte nur darauf warten, dass eines dieser „süßen Erstsemester-Girls“ so besoffen wird, dass sie sie abschleppen und zu Hause ihre abartige Schweinereien mit ihnen veranstalten können, macht man lieber einen Bogen.

          Das ist schon alles sehr drastisch, eigentlich unerhört. Einmal wird es sogar für Strunk-Verhältnisse so peinlich, dass man sich als Leser gar nicht mehr schadlos halten kann am Geschilderten, froh darüber, von so etwas verschont zu bleiben; vielmehr bekommt hat man herzliches Mitleid mit dem Halbwüchsigen, den seine verzweifelte Onaniesucht in eine Situation bringt, wie man sie sich schon gar nicht mehr vorstellen mag. Bei diesem Thema ist Strunk bekanntlich in seinem Element. Das will richtig verstanden sein: Gerade, weil ihm nichts Menschliches fremd zu sein scheint, ist Strunk ein großer Humanist. Er greift seinen Figuren an die verwundbarsten Stellen, und das sind nun einmal die Triebe: Hunger und Sexualität, beide hoffnungslos unstillbar. Daher die ganzen Dicken, die manchmal allerdings einen Lebenswillen an den Tag legen, der ihr Schicksal noch erbarmungswürdiger macht: die Frau, die sich als „Bloggerin“ ausgibt („irgendwas zwischen 120 und 140 Kilo“) und die sozialen Kanäle mit kriminell dummen Sprüchen verstopft; der Automatenspieler, der, seine korpulente Freundin im Schlepptau, Autobahnraststätten abklappert, immer auf der Suche nach dem letzten Kick; die ehemalige „Sexbombe“, die als Imbissverkäuferin versauert und aus dem Leim geht. Daher auch die, wie sagt man?, Notgeilen, die von Blamage zu Demütigung zu Blamage torkeln und deren buchstäblich brennende Sehnsucht in diesem Leben einfach nicht zu stillen ist.

          Mehr Speck essen!

          Die Knappheit, mit der Strunk inzwischen zu Werke geht, ist bewunderungswürdig. Aber die ausgewachsenen Erzählungen sind es genauso. Hier, im treffend genauen Sozialreport aus den unteren Etagen der Gesellschaft, läuft Strunk zu vertrauter Form auf, etwa bei der sich verheißungsvoll anlassenden Ost-West-Liebschaft, die quasi an zu vielen Schlachtplatten jämmerlich, still und leise scheitert; oder den Reisen in Vergangenheiten, an denen noch gegenwärtige Beziehungen zuschanden werden (mit am stärksten: „Klaus und Klaus“); die (wahrscheinlich ausgedachte) Begebenheit mit Axl Rose von Guns N’ Roses, der nach einem Konzert einsam und allein auf dem Hamburger Kiez mitleiderregend abstürzt; schließlich ein junger, hypernervöser Schauspieler, der im Flieger aus dem Munde seines vitalen, robusten Sitznachbarn eine Bemerkung zu hören kommt, mit der früher auf dem norddeutschen Flachland den Untergewichtigen, Lebensunfähigen zugeredet wurde (vergeblich natürlich): „mehr Speck essen“. Diese Erzählung ist grundiert vom Geist-Leben-Antagonismus des frühen Thomas Mann und erinnert besonders an die Erzählung „Tristan“ (1902).

          Strunk, auch das macht seine Meisterschaft aus, nimmt keineswegs einseitig Partei für die Empfindlichen, zu kurz Gekommenen, sondern lässt immer wieder seinen Respekt vor dem Tatendrang, der Energie und der insgesamten, nervenstarken Vitalität der Stärkeren durchblicken. Mit einer Konsequenz, an die allenfalls noch Michel Houellebecq herankommt, schickt er all die armen Leute in den darwinistischen Wettbewerb der Körper, aufs Wesentliche reduzierte Kreaturen, die nur noch innerlich aufheulen können. Wir hören sie nicht, aber wir sind erschüttert. Strunks Phantasie kennt dabei keine Grenzen mehr: „Es gib ja bekanntlich nichts, was sich nicht vorstellen lässt.“ Es gibt so viel Elend auf der Welt. Heinz Strunk schreibt es getreulich auf. Es wird immer unheimlicher.

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