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Heinz Puknus/Norbert Göttler: Rolf Hochhuth : Er hat den Algorithmus, wo man mitmuss

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Bild: Verlag

Rolf Hochhuth, ein bedeutender Literat? Eine neue, gut lesbare Biographie lässt dem geliebt-verachteten Provokateur endlich Gerechtigkeit widerfahren, ohne einfach nur in Hagiographie zu verfallen.

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          Schon dieser eine Einspruch sollte doch ausreichen für einen Ehrenplatz im Pantheon der moralischen Literatur: „Der Krieg ist nicht ausgebrochen, wie immer geschrieben wird, er ist gemacht worden mit der Vehemenz, mit der er gewollt wurde.“

          Wer es pointiert mag, kann darin die Essenz des Œuvres von Rolf Hochhuth erkennen. Für diesen Autor ist die Welt ein Uhrwerk, ein einheitlicher, wenn auch gottfreier Ordo, in dem alles mit allem kausal zusammenhängt: Es ist eine Menschenwelt, beherrscht von Intentionen, nicht von einem abstrakten Schicksal. Wer aus Egoismus gegen ihr Grundgesetz, die Humanität, verstößt, der macht sich schuldig. Diese Schuld zu rekonstruieren ist die Aufgabe des Moralisten. Dessen Standpunkt zu problematisieren, wie es etwa Brecht tut, hält Rolf Hochhuth nicht für angebracht, weil sonst der Relativismus droht.

          Heftige Beschimpfungen

          Fritz J. Raddatz hat in seinem Tagebuch die „Bildungs-Sturzbäche“ des Freundes hervorgehoben: „prima vista unsinnige Assoziationen sind Hochhuths grotesker Charme“. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich, dass dieses permanente Abgleichen von Bekanntem und Neuem Hochhuths spezieller Algorithmus ist, ein Mustererkennungsprogramm. Immer wieder neigt die menschliche Natur schließlich zu denselben Exzessen. Damit bietet sich aber auch die Allegorie als Remedium an. Antigone, Lysistrate, Judith, Dädalus, Wilhelm Tell – sie alle, ausgestattet mit kulturgeschichtlicher Approbation, verpflichtet Hochhuth als Lehrmeister für die Gegenwart. Wenig interessieren ihn die psychologischen, überzeitlichen Tiefenschichten des Mythos. Das macht sein Dokumentartheater beliebt, aber der Kritik nicht ganz geheuer.

          Raddatz gesteht seinem Tagebuch, insgeheim den stilistischen Negativurteilen über Hochhuth zuzustimmen: „schlampiges Schreiben, erotischer Kitsch“. Mehrfach preist er schadenfroh den Stoizismus des Freundes, sich von den ewigen Verrissen nicht tangieren zu lassen. Wenn so ungnädig schon die Freunde urteilen, wie dann erst die Gegner? In der Tat klaffen bei keinem zweiten bundesdeutschen Autor, nicht einmal bei Heinrich Böll, zeitgeschichtliche Bedeutung und literaturhistorische Einschätzung so sehr auseinander. Welcher Autor kann schon behaupten, die Geschichte seines Landes spürbar beeinflusst zu haben? Nicht nur die Stimulierung der Aufarbeitung des Mitläufertums in der katholischen Kirche kann der heute achtzigjährige Hochhuth für sich verbuchen, auch den Anstoß zur Demission Hans Filbingers. Ludwig Erhard wie Helmut Kohl nahmen den Autor so ernst, dass es sie zu heftigen Beschimpfungen hinriss.

          Provokation als eigene Kunstform

          Die akademische Marginalisierung des erklärten Anti-Ästhetizisten stützt sich auf die künstlerisch eher schlichte Form von Hochhuths Stücken, hat aber vor allem mit der bewussten Abkehr vom politisch engagierten Schreiben zu tun. Dass sich dies trotz gegenwärtiger Rückkehr des Politischen noch einmal ändern wird, ist unwahrscheinlich. Die Öffentlichkeit erinnert sich neben dem „Stellvertreter“ heute wohl allenfalls an die unschönen Auseinandersetzungen mit Heiner Müller und Claus Peymann, nachdem Hochhuth zwischen 1993 und 1996 über eine Stiftung zum Eigentümer des Theaters am Schiffbauerdamm (Berliner Ensemble) geworden war.

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