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Heinz Ludwig Arnold: Wilflinger Erinnerungen. Mit Briefen von Ernst Jünger : Jüngers jugendlicher Secretarius

  • -Aktualisiert am

Bild: Wallstein Verlag

Kurz nachdem er dieses Manuskript fertiggestellt hatte, starb der große Literaturvermittler Heinz Ludwig Arnold. Seine „Wilflinger Erinnerungen“ über die Jahre bei Ernst Jünger sind sein Vermächtnis.

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          Nach der Lektüre dieses Buches harrt der Leser eines noch gar nicht geschriebenen Buches: Wer schreibt endlich einmal die Kulturgeschichte des Adlatus? Der Adlatus wird stiefmütterlich behandelt - schon grammatisch. Ob man von “Adlaten“, von „Adlatussen“ oder von Adlatus, gesprochen mit langem u im Sinne der lateinischen u-Deklination, reden soll, ist ohnehin umstritten. Aber vielleicht wird der Adlatus gar nicht stiefmütterlich behandelt, sondern vielmehr stiefväterlich, womit wir seiner Eigenschaft schon entschieden näherkommen. Denn eine Adlata kennt die deutsche Sprache noch nicht. Der Adlatus ist bislang zumeist der männliche Zuarbeiter, Helfer, Sekretär eines bedeutenden Mannes oder sein Dolmetscher für die Nachwelt - für uns präfiguriert durch Goethes Eckermann.

          Heinz Ludwig Arnold war für einige Jahre der Adlatus von Ernst Jünger. Hier herrschten allerdings andere Begriffe: Arnold wurde „Secretarius“ genannt und Jünger „Chef“. Arnolds „Wilflinger Erinnerungen“ vergegenwärtigen seine studentischen Jahre als Sekretär Ernst Jüngers, dokumentieren seinen Prozess der Ablösung vom bewunderten Idol und seine späte Wiederannäherung an Jünger. Heinz Ludwig Arnold, einer der wichtigsten deutschen Literaturvermittler der letzten Jahrzehnte, starb kurz nachdem er das Manuskript seiner Erinnerungen fertiggestellt hatte, was den Aufzeichnungen dieses ungemein produktiven Autors ein eigentümliches Gewicht, nachgerade etwas Abschließendes verleiht.

          Mit Albernheit, Scherz und Ironie

          Als der Primaner Arnold Ernst Jünger zum ersten Mal schrieb, lebte dessen erste Frau Gretha noch und antwortete in Vertretung ihres Mannes anfangs auch auf seine Briefe, eine Tätigkeit, der er später selbst nachgehen musste. Als er zum ersten Mal Jünger besuchte, da lag Gretha Jünger schon auf dem Krankenlager, so dass sie ihn nicht mehr empfangen konnte. 1961, hier begann er als „Secretarius“, war Ernst Jünger schon Witwer - 1962 heiratete dieser schließlich Liselotte Lohrer. So bringt Arnold uns den Jünger eines lebensgeschichtlichen Umbruchs nahe. Und nahebringt er ihn wirklich, was erstaunt, da es zwischen ihm und seinem alten „Chef“ später zu einem Bruch kam. Wie es dazu kam, beschreibt Arnold fast ganz unpolemisch, ja beinahe zartfühlend.

          Neben seiner Schilderung des Alltags, die eine Diskretion wahrende und doch sprechende Innenansicht vermittelt, erzählt Heinz Ludwig Arnold auch über die Verachtung Ernst Jüngers für diejenigen seiner Kritiker, die ihn, wie beispielsweise Siegfried Lenz, als einen Nazi titulierten, was Arnold bei aller eingetretenen Distanz immer noch für einen Skandal hält. Einige Leser werden überrascht sein von Jüngers Fähigkeit zu Albernheit, Scherz und Ironie. Als eine neue Ausgabe der „Akzente“ eingetroffen war, schrieben Jünger und Arnold während eines weinlaunigen Abends überaus ulkige Parodien auf die in dieser Zeitschrift abgedruckten Gedichte. Ernst Jünger schickt einige dieser Parodien Carl Hanser, dem Verleger der „Akzente“. Hanser reagierte betrübt - nicht über Jüngers und Arnolds Parodien auf Gedichte von Günter Grass und Hans G Helms - sie hatten nicht nur ihm „Spaß gemacht“ -, sondern über das Niveau seiner eigenen Zeitschrift.

          Waren sich Ernst Jünger und sein jugendlicher Secretarius seinerzeit über die von ihnen als ridikül wahrgenommene damalige literarische Avantgarde noch einig, so änderte sich dies später.

          Doppelter Verrat

          Heinz Ludwig Arnold zog zum Studium nach Göttingen, wo er Jünger während des Semesters aus der Ferne zuarbeitete. Aber er gründete schon 1963 die Reihe „text + kritik“, die dort behandelten Autoren - der erste Band beschäftigte sich mit Grass - blieben Ernst Jünger in vielen Fällen recht fremd. Nach zorniger Auskunft von Liselotte Jünger hatte er aber im Jahre 1989 den Rubikon überschritten. In einem Band über Jünger nahm Arnold zwei Beiträge des einstigen französischen Freundes und Übersetzers Henri Plard auf, was das Ehepaar Jünger schockierte, denn Plard galt da schon als ein vehementer Jünger-Kritiker.

          Entgegen Arnolds Intention kann man hier aber die Jüngers menschlich verstehen, für die es ja ein doppelter Verrat sein musste: Erst wendet sich ein langjähriger Freund öffentlich und polemisch ab und wird dann noch vom eigenen früheren Sekretär gebeten, über Jünger zu schreiben. So war ja für die Jünger-Leser der harten Provenienz Heinz Ludwig Arnold ein Verräter. Und für Jünger ist es ja nicht der erste Verrat. Arnold erzählt, wie zornig der Autor reagierte, als sein früherer Sekretär Armin Mohler ihn publizistisch attackierte, weil Jünger seinen Frieden mit der Demokratie der Bundesrepublik gemacht und sogar von Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz angenommen hatte.

          Dem Band beigegeben sind Briefe vorwiegend Ernst Jüngers an Arnold, die eine zunehmende Annäherung und einen späteren etwas distanzierteren Modus Vivendi dokumentieren. Heinz Ludwig Arnolds späte und behutsame Wiederannäherung an den einstigen „Chef“ liest sich angenehm und wie eine noble Abschiedsgeste. 

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