https://www.faz.net/-gr3-9f59c

Heinz Helles Roman : Warum einer stürzt und der andere nicht

  • -Aktualisiert am

Er ist die Rekonstruktion eines hoffnungslosen Kampfes und ein Hadern mit der Frage, warum zwei Lebensbahnen, die einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben, so unterschiedlich verlaufen. Bild: Picture-Alliance

Über die schwer fassliche Nähe zwischen Geschwistern: Heinz Helle beschreibt in „Die Überwindung der Schwerkraft“ die selbstzerstörerische Kraft eines älteren Bruders und den Rettungsversuch des Jüngeren.

          4 Min.

          Während er in einem Fotoalbum blättert und sich an seinen verstorbenen Bruder erinnert, kommt dem Erzähler in Heinz Helles Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“ eine Szene aus der gemeinsamen Kindheit in den Sinn, die nebensächlich erscheinen könnte. Tatsächlich aber offenbart sich in ihr das Dilemma dieser Bruderbeziehung, wenngleich auf eine sanfte, erträgliche Weise.

          Der Bruder, zwölf Jahre älter, sitzt am Klavier, der Erzähler hat es sich unter dem Esstisch gemütlich gemacht, der Vater lauscht dem Spiel des Sohnes, bis dieser abrupt abbricht, als er einen falschen Ton trifft. Er möge weiterspielen, bittet ihn der Vater, aber der Sohn kann nur paralysiert auf die Tasten starren. Der Vater schaut schweigend aus dem Fenster. Unerträglich wird die Stille, bis der Erzähler, drei oder vier Jahre alt mag er sein, aus seinem Versteck kriecht, vorsichtig zum Klavier hinübergeht, um plötzlich mit beiden Fäusten auf die Tasten zu hämmern. Und alle lachen.

          Geradezu besessen

          Das Verzagen des Älteren angesichts des Stockens im Klavierspiel kann der Ich-Erzähler hier noch mit Komik übertönen und auf diese Weise die Beklemmung in Belustigung verwandeln, den Bruder gleichsam erlösen. Später, als die Brüder erwachsen sind, wird das Zaudern und Zweifeln des Älteren sich in eine Krankheit zum Tode ausgewachsen haben. Kaum noch zu entzerren ist, ob die Familienkonstellation oder gar das historische Unheil selbst Auslöser des Leidens ist oder, umgekehrt, ob das Wissen um die Gnadenlosigkeit der Verhältnisse nur eine Erklärung bereitstellt für den eigenen Schmerz. Geradezu besessen liest der Bruder des Erzählers in den Zeugnissen der Dutroux-Verbrechen, der Zweite Weltkrieg treibt ihn genauso um wie Zeitungsmeldungen über Unglücksfälle.

          Nicht allein, weil der 1978 in München geborene, mittlerweile in Zürich lebende Heinz Helle seinen Ich-Erzähler gleich im ersten Satz von „Die Überwindung der Schwerkraft“ berichten lässt, dass er nun beinahe so alt sei wie der ältere Bruder, als dieser starb, weiß man, dass jeder Rettungsversuch vergeblich bleibt, dass die selbstzerstörerische Kraft des Älteren, die sich in Alkoholexzessen entlädt, zu mächtig ist, als dass der Jüngere sie aufhalten oder durchbrechen könnte. Ebenso, wie er ihn auf der letzten gemeinsamen Sauftour nicht stoppen kann, von der freilich keiner der beiden ahnt, dass es sich um die letzte handelt: eine Odyssee durch das winterliche München, gut achtzig der insgesamt 200 Seiten des Romans umfassend, ein sich steigerndes Delirium, in dem das ganze Lebenselend des Älteren zusammenschnurrt. Die groteske Lächerlichkeit, wenn man gemeinsam mit anderen strauchelnden Gestalten inbrünstig Roxette-Songs grölt, steht neben der ephemeren Einsicht in die universelle Haltlosigkeit des Menschen.

          Nähe und gleichzeitige Ferne

          Helles schmaler Roman ist ein von Zweifeln grundierter Versuch über das Erinnern und über die so schwer fassliche Nähe und gleichzeitige Ferne zwischen Geschwistern. Er ist die Rekonstruktion eines hoffnungslosen Kampfes und ein Hadern mit der Frage, warum zwei Lebensbahnen, die einen – beinahe – gemeinsamen Ausgangspunkt haben, so unterschiedlich verlaufen, warum der eine abstürzt, während der andere nicht aus dem Tritt gerät. Und so reibt sich der Erzähler nicht zuletzt an der verfluchten Rolle, die ihm in der Familienkonstellation zukommt. Die Brüder haben einen gemeinsamen Vater, die Mutter des älteren Sohnes wurde vom Vater für die Mutter des Erzählers verlassen, so dass der Jüngere mit der Schuld aufwächst, ein möglicher Grund für das Unglück des Älteren zu sein: „es fiel mir nicht leicht, die Gedanken weil er sie verlassen hat, gibt es mich und jetzt ist sie tot voneinander zu trennen.“

          Weitere Themen

          Ein Kind im Winter

          Roman von Norbert Gstrein : Ein Kind im Winter

          Mit „Der zweite Jakob“, seinem fulminanten Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte, zählt Norbert Gstrein zu den Favoriten für den deutschen Buchpreis.

          Topmeldungen

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Der Bundeswehr geht das Geld aus

          Die Welt rüstet auf. Doch die Finanzierung des deutschen Militärs ist unter einer neuen Bundesregierung fraglicher denn je. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine riesige Lücke.
          Eine gute Nachricht: Von vielen Schäden kann sich die menschliche Leber, hier in einem 3D-Hologram zu sehen, erholen –  sofern diese frühzeitig behandelt werden.

          Volkskrankheit Fettleber : Gefahr im Oberbauch

          Sie ist weit verbreitet und wird dennoch viel zu selten erkannt: die Fettleber. Das kann für Betroffene schwere Folgen haben.

          Cannabis-Legalisierung : Vom Coffeeshop zum Drogenkrieg

          In den Niederlanden ist Kiffen seit langem erlaubt, Amsterdam genoss den Ruf eines liberalen Idylls. Doch mittlerweile führen Banden gegeneinander einen Drogenkrieg, wie man ihn bisher nur aus Mexiko oder Kolumbien kannte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.