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Roman über Hausbesetzerszene : Geordnete Rebellion mit Putzfrau

  • -Aktualisiert am

Zeit der fröhlichen Anarchie: „Instandbesetzung“ in Kreuzberg. Bild: Picture-Alliance

Von wegen, wer wirklich dabei war, kann sich nicht erinnern: Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland erzählen in „Aufprall“ aus dem West-Berlin der achtziger Jahre.

          4 Min.

          Die Ouvertüre zu diesem Buch von drei West-Berliner Hausbesetzern über ihre West-Berliner Hausbesetzerzeit ist wohlgesetzt. Vier junge Menschen fahren durch eine „seltsam märchenhafte“ Landschaft in Nordböhmen. Sie kommen von einem Prag-Besuch zurück. Wir schreiben das Jahr 1982. Der Eiserne Vorhang ist schwer und greulich und nur mit Hindernissen zu durchdringen. Eine Studentin sitzt am Steuer der geliehenen Mercedes-Limousine. Daneben eine rundliche Italienerin, die in der Mauerstadt die Erinnerungen an ihre katholische Heimerziehung abschütteln will. Eine dritte junge Frau sitzt zusammen mit ihrem Mitbewohner auf dem Rücksitz und schläft. „Im entscheidenden Moment ihres Lebens hat sie geschlafen“, schreibt Luise über sich.

          Als sie das nächste Mal erwacht, liegt Luise in einem Krankenhaus in Ústí nad Labem, einer tschechoslowakischen Industriestadt nahe der Grenze zur DDR, und wird künstlich beatmet. Ein schrecklicher Unfall bei der Ausfahrt Theresienstadt hat sich ereignet, wovon der Leser aber erst später erfährt. Denn zunächst wird man ins Jahr 1980 zurückkatapultiert: in ein heruntergewirtschaftetes West-Berlin, das längst den Anschluss an die proper gewordene Bundesrepublik verpasst hatte. „Berlin war eine Frontstadt mit einer übrig gebliebenen Population. Keiner, der glaubte oder hoffte, eine Zukunft zu haben, ging damals nach Berlin.“ So setzt also jene Geschichte ein – geschrieben von drei Zeitzeugen, ehemaligen Hausbesetzern, Weltverbesserern, Systemverweigerern.

          Eine Kompilation gestalteter Erinnerungen

          Um es vorwegzunehmen: Ein Roman ist daraus nicht geworden, obwohl es draufsteht. Dafür ist die Erzählweise zu anekdotisch. Dafür werden auch die Figuren zu wenig entfaltet, und es gibt keine innere Ästhetik, die der Erzählung die Steigbügel hält. Wieso, fragt man sich, flüchtet sich dieses geistreiche Buch dennoch in die Unverbindlichkeit der Gattungsbezeichnung Roman? Weil es eine Geschichte erzählt, die wie ein Roman klingt! Und weil viele der darin vorkommenden Personen vermutlich noch am Leben sind und fiktionalisiert werden mussten.

          Keine Stadt für Leute, die ein Ziel haben im Leben: Protest gegen die Inhaftierung von Hausbesetzern in West-Berlin.
          Keine Stadt für Leute, die ein Ziel haben im Leben: Protest gegen die Inhaftierung von Hausbesetzern in West-Berlin. : Bild: bpk / Jochen Moll

          Tatsächlich ist dieses Buch eine Kompilation gestalteter Erinnerungen. Der Soziologe Heinz Bude, die Künstlerin Bettina Munk und die Sachbuchautorin Karin Wieland sahen die Notwendigkeit gekommen, das, was sie im geteilten Berlin erlebt und bewegt haben, aufzuschreiben. Als spät Geborener oder nur spät Zugezogener liest man mit wachsender Faszination vom Leben am Rande der Mauer. Im konkreten Fall hieß das: ein Leben in gekaperten Häusern, ein Leben zwischen punkiger Rebellion und politischem Untergrund, ein Dasein zwischen ästhetischer Zerstörungsekstase und real gelebter Frontstadtdepression.

          Der Tod war nicht vorgesehen

          „Unser Haus überstrahlte nach wie vor das Kleinbürgerelend rechts und links“, heißt es einmal im Buch. „Zu Ulis Balkon hing ein neues Transparent raus: ‚Lieber unsere Jugend besetzt leere Häuser als fremde Länder‘. Das von Vroni schien noch vom Winter übriggeblieben zu sein: ‚Lieber Schamlippen küssen als sich lahm schippen müssen‘.“ Der Tunix-Kongress als intellektuelle Brutstätte der jungen Sinnsucher kommt der Erzählerfigur Thomas, hinter der sich schwer verkennbar der alerte Sozialwissenschaftler Heinz Bude verbirgt, so vor: „Über das Sein im Nicht-Sein meditieren und ohne die Angst, nicht normal zu sein, das Polymorph-Perverse bei sich und anderen zu akzeptieren, konnte ein Ausweg sein.“

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