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: Heini, Hitler und Heisenberg

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"Das Klingsor-Paradox" von Jorge Volpi steckt voll von Themen, die sich leicht in die Quere kommen können. Das Buch "ist zugleich Spionageroman und Geschichte der Quantenphysik", wie hinten auf dem Schutzumschlag zu lesen ist. Es hat viel mit Sex und Liebe - in dieser Reihenfolge - zu tun und handelt unter anderem von einem Mann, der an den Umbruch im Weltbild der Physik denkt

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          "Das Klingsor-Paradox" steckt voll von Themen, die sich leicht in die Quere kommen können. Das Buch "ist zugleich Spionageroman und Geschichte der Quantenphysik", wie hinten auf dem Schutzumschlag zu lesen ist. Es hat viel mit Sex und Liebe - in dieser Reihenfolge - zu tun und handelt unter anderem von einem Mann, der an den Umbruch im Weltbild der Physik und seine Habilitationsschrift über das Problem des Kontinuums denkt, als er damit beschäftigt ist, "den zarten Bauch" seiner Frau zu küssen.

          Der Roman versucht zudem immer wieder aufzugreifen, was die Wissenschaftler im zwanzigsten Jahrhundert über den Zufall und das Unendliche verstanden haben, und er berichtet viel von der modernen Mathematik und ihren Hauptfiguren. Die Handlung spielt fast ausschließlich in Deutschland und geht bis in das deutsche Kaiserreich zurück, sie erlebt ihre Höhepunkte in Nazideutschland, bekommt eine besondere Wendung am Ende des Zweiten Weltkriegs und wird in Leipzig am 10. November 1989 abgeschlossen. Und ob man es glaubt oder nicht: Jorge Volpi, der Autor der mehr als fünfhundert Seiten, die auch noch die Suche nach dem Heiligen Gral unternehmen und weder Kundrys Fluch noch Klingsors Rache vergessen, kommt aus dem fernen Mexiko, in dessen Hauptstadt er 1968 geboren worden ist.

          Als Berichterstatter der ganzen Handlung läßt Volpi einen Mann auftreten, der sich "im Zwiespalt zwischen der Wissenschaft und dem Bösen" befindet, was einen deshalb stutzen läßt, weil es sich bei Gustav Links selbst um einen Wissenschaftler handelt. Mit dem Bösen kann also nicht gemeint sein, was er und seine Kollegen im Rahmen der von ihnen betriebenen Kernphysik erforschen und erarbeiten - zum Beispiel die Atomspaltung und die Kettenreaktion. Mit dem Bösen auf dem Buchumschlag muß etwas anderes gemeint sein, und am Ende des Buches bekommt es auch seinen Namen, der hier aber nicht verraten werden soll, obwohl ihn jeder kennt.

          Der Romanheld Gustav Links, 1905 in München als Sohn eines Professors für Mittelalterliche Geschichte geboren, verbringt seine Jugendzeit mit den "Wandervögeln", und hier lernt er seinen besten Freund fürs Leben kennen, Heinrich von Lütz, der im Roman oft Heini genannt wird (was im spanischen Original des Buches vielleicht nicht so albern klingt). In den bayerischen Bergen trifft Gustav auch den vier Jahre älteren Werner Heisenberg, der eine maßgebliche Rolle in dem Geschehen spielt. Volpi läßt Links Heisenberg erst folgen und dann verfolgen. Gustav hat einen Vater wie Heisenberg, er wird ein Naturbursche wie Heisenberg, er geht auf dieselbe Schule wie Heisenberg, er studiert dasselbe Fach (Physik) wie Heisenberg, er wird Heisenbergs Mitarbeiter in Leipzig, und dann kommt der Zweite Weltkrieg. Nach dessen Ende suchen die Amerikaner einen gewissenlosen Mann, von dem sie durch Zufall - wirklich? - erfahren haben. Es soll einen wissenschaftlichen Berater des Führers gegeben haben, von dem es heißt, daß er nahezu allein bestimmen konnte, für welche wissenschaftlichen Arbeiten Geld in Nazideutschland vergeben wurden. Von dieser merkwürdigen Figur, die als "prominente Persönlichkeit" galt und "von Forscherkreisen anerkannt wurde", ist nur ein Deckname bekannt, nämlich Klingsor.

          Den Auftrag, ihn zu suchen, bekommt ein junger amerikanischer Wissenschaftler, der im Oktober 1946 als Oberleutnant nach Deutschland kommt und Francis Bacon heißt, also zufällig genau so wie der britische Philosoph und Gelehrte des siebzehnten Jahrhunderts, dessen Diktum "Wissen ist Macht" das sich heute allmählich seinem Ende zuneigende Zeitalter der Wissenschaft eingeläutet hat. Der Bacon der Nachkriegszeit tut sich mit Links zusammen, der mit viel Glück und somit durch Zufall - wirklich? - das Ende der Nazijahre überstanden hat, und beide versuchen jetzt, Klingsor ausfindig zu machen.

          Die Suche nach dem unbekannten Vertrauten Hitlers öffnet Heisenbergs ehemaligem Mitarbeiter zwei Gelegenheiten. Einmal kann er gezielt den Verdacht erwecken und erhärten, sein alter Mentor sei Klingsor gewesen und habe folglich mit Hitler gemeinsame Sache gemacht. Und zum zweiten kann Links seine Bildung ausspielen und den amerikanischen Oberleutnant mit dem Hinweis überraschen, er wisse längst, wer Klingsor ist, nämlich eine Figur aus dem Parzival. Dabei meint der Erzähler, seinem Gegenüber nur die populäre Version von Richard Wagners Oper zumuten zu können. Dieser "Parsifal" hat bekanntlich drei Akte, und da der Roman zufällig - wirklich? - aus drei Teilen besteht, bekommt Links am Ende eines jeden von ihnen ausführlich Gelegenheit, einen Akt aus Wagners sprunghafter Gralsdichtung vorzustellen.

          Man merkt diese Absicht und ist leicht verstimmt, was sich nach und nach verschlimmert, weil der Autor parallel dazu alles tut, um im Leser den Verdacht unabweisbar plausibel erscheinen zu lassen und möglichst lange wachzuhalten, daß Heisenberg der gesuchte Klingsor ist und genau bestimmen konnte, wie ernsthaft an einer deutschen Atombombe für die Nazis gebaut wird. Als Links und Bacon Heisenberg 1946 in Göttingen besuchen, um ihn nach seiner Rolle im Dritten Reich zu fragen, verkrampfen sich die Hände des großen Physikers, der zugleich merkwürdig unruhig und fahrig wirkt - also ganz anders, als die Menschen ihn schildern und in Erinnerung haben, die tatsächlich mit Heisenberg zusammengetroffen sind.

          Nun besteht die Aufgabe eines Romans nicht darin, die alltägliche Wirklichkeit nachzuerzählen, aber ein Autor macht es sich zu leicht, wenn er versucht, Spannung dadurch zu erzeugen, daß er Figuren von historischem Rang auftreten läßt und ihnen dort Schuld andichtet, wo die Geschichtswissenschaft das tatsächliche Geschehen nicht zweifelsfrei rekonstruieren und aus Dokumenten belegen kann. Der Roman hat es merkwürdig deutlich und einseitig auf Heisenberg abgesehen, denn selbst am Ende, als endlich geklärt ist, daß Heisenberg nichts mit dem Kollaborateur Klingsor zu tun hatte, wird noch einmal nachgelegt, wenn es zum wiederholten Male heißt, alle wüßten, "daß Heisenberg eng mit den Nazis zusammengearbeitet hat". Und sogar in einer Nachbemerkung im Anschluß an den Roman bekommt der deutsche Physiker noch einen Tritt ab, wenn Volpi schreibt, es gebe "keine definitiven Beweise" dafür, daß Heisenbergs "Verhalten währen des Krieges als verbrecherisch angesehen werden könnte".

          Ein paar Zeilen später muß Volpi übrigens "auf einen weiteren Zufall unter den vielen verweisen, die sich um diese Geschichte ranken: Im Mai 1998, gerade als ich die letzten Seiten dieses Buches verfaßte", so liest man, "hatte in London das Theaterstück ,Kopenhagen' von Michael Frayn Uraufführung. Darin entwirft der englische Dramatiker eine Szene, die auch in diesem Roman vorkommt: die schroffe Begegnung zwischen Bohr und Heisenberg in der dänischen Hauptstadt im September 1941" (F.A.Z. vom 18. Februar).

          Wer will, kann jetzt von einer "ungewöhnlichen Nähe" zwischen dem "Klingsor-Paradox" und "Kopenhagen" reden, wie es Carlos Fuentes getan hat. Aber es gibt vor allem eine ungewöhnliche Ferne. Denn während Frayn seine poetische Freiheit nutzt, um über den offen bleibenden Dialog zweier überragender Figuren der Wissenschaftsgeschichte sein Publikum an die Frage heranzuführen, unter welchen politischen und gesellschaftlichen Umständen ein Physiker an einer Atombombe arbeiten darf, legt Volpi sich fest und versucht, Rollen und Noten zu verteilen. Er belehrt seine Leser zuviel und involviert sie zuwenig. Dauernd gilt es aufzupassen, ob man jetzt der Erzählung vertrauen und folgen kann oder ob gerade eine neue Variante des Lügner-Paradoxons gespielt wird, das bekanntlich auf den Kreter zurückgeht, der behauptet hat, daß alle Kreter lügen. Im Roman spielt es eine Rolle, daß ein Physiker sagt, daß alle Physiker lügen, und als zweites "Bewegungsgesetz des Verrats" erfährt man sogar, daß alle Menschen Lügner sind. Dann lügt natürlich auch Links, der zwar versichert, daran zu leiden, daß er die Nazizeit als einziger einer Gruppe von Freunden überlebt hat, dem wir aber längst nicht mehr glauben.

          ERNST PETER FISCHER

          Jorge Volpi: "Das Klingsor-Paradox". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2001. 509 S., geb., 25,- [Euro].

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