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: Heini, Hitler und Heisenberg

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Die Suche nach dem unbekannten Vertrauten Hitlers öffnet Heisenbergs ehemaligem Mitarbeiter zwei Gelegenheiten. Einmal kann er gezielt den Verdacht erwecken und erhärten, sein alter Mentor sei Klingsor gewesen und habe folglich mit Hitler gemeinsame Sache gemacht. Und zum zweiten kann Links seine Bildung ausspielen und den amerikanischen Oberleutnant mit dem Hinweis überraschen, er wisse längst, wer Klingsor ist, nämlich eine Figur aus dem Parzival. Dabei meint der Erzähler, seinem Gegenüber nur die populäre Version von Richard Wagners Oper zumuten zu können. Dieser "Parsifal" hat bekanntlich drei Akte, und da der Roman zufällig - wirklich? - aus drei Teilen besteht, bekommt Links am Ende eines jeden von ihnen ausführlich Gelegenheit, einen Akt aus Wagners sprunghafter Gralsdichtung vorzustellen.

Man merkt diese Absicht und ist leicht verstimmt, was sich nach und nach verschlimmert, weil der Autor parallel dazu alles tut, um im Leser den Verdacht unabweisbar plausibel erscheinen zu lassen und möglichst lange wachzuhalten, daß Heisenberg der gesuchte Klingsor ist und genau bestimmen konnte, wie ernsthaft an einer deutschen Atombombe für die Nazis gebaut wird. Als Links und Bacon Heisenberg 1946 in Göttingen besuchen, um ihn nach seiner Rolle im Dritten Reich zu fragen, verkrampfen sich die Hände des großen Physikers, der zugleich merkwürdig unruhig und fahrig wirkt - also ganz anders, als die Menschen ihn schildern und in Erinnerung haben, die tatsächlich mit Heisenberg zusammengetroffen sind.

Nun besteht die Aufgabe eines Romans nicht darin, die alltägliche Wirklichkeit nachzuerzählen, aber ein Autor macht es sich zu leicht, wenn er versucht, Spannung dadurch zu erzeugen, daß er Figuren von historischem Rang auftreten läßt und ihnen dort Schuld andichtet, wo die Geschichtswissenschaft das tatsächliche Geschehen nicht zweifelsfrei rekonstruieren und aus Dokumenten belegen kann. Der Roman hat es merkwürdig deutlich und einseitig auf Heisenberg abgesehen, denn selbst am Ende, als endlich geklärt ist, daß Heisenberg nichts mit dem Kollaborateur Klingsor zu tun hatte, wird noch einmal nachgelegt, wenn es zum wiederholten Male heißt, alle wüßten, "daß Heisenberg eng mit den Nazis zusammengearbeitet hat". Und sogar in einer Nachbemerkung im Anschluß an den Roman bekommt der deutsche Physiker noch einen Tritt ab, wenn Volpi schreibt, es gebe "keine definitiven Beweise" dafür, daß Heisenbergs "Verhalten währen des Krieges als verbrecherisch angesehen werden könnte".

Ein paar Zeilen später muß Volpi übrigens "auf einen weiteren Zufall unter den vielen verweisen, die sich um diese Geschichte ranken: Im Mai 1998, gerade als ich die letzten Seiten dieses Buches verfaßte", so liest man, "hatte in London das Theaterstück ,Kopenhagen' von Michael Frayn Uraufführung. Darin entwirft der englische Dramatiker eine Szene, die auch in diesem Roman vorkommt: die schroffe Begegnung zwischen Bohr und Heisenberg in der dänischen Hauptstadt im September 1941" (F.A.Z. vom 18. Februar).

Wer will, kann jetzt von einer "ungewöhnlichen Nähe" zwischen dem "Klingsor-Paradox" und "Kopenhagen" reden, wie es Carlos Fuentes getan hat. Aber es gibt vor allem eine ungewöhnliche Ferne. Denn während Frayn seine poetische Freiheit nutzt, um über den offen bleibenden Dialog zweier überragender Figuren der Wissenschaftsgeschichte sein Publikum an die Frage heranzuführen, unter welchen politischen und gesellschaftlichen Umständen ein Physiker an einer Atombombe arbeiten darf, legt Volpi sich fest und versucht, Rollen und Noten zu verteilen. Er belehrt seine Leser zuviel und involviert sie zuwenig. Dauernd gilt es aufzupassen, ob man jetzt der Erzählung vertrauen und folgen kann oder ob gerade eine neue Variante des Lügner-Paradoxons gespielt wird, das bekanntlich auf den Kreter zurückgeht, der behauptet hat, daß alle Kreter lügen. Im Roman spielt es eine Rolle, daß ein Physiker sagt, daß alle Physiker lügen, und als zweites "Bewegungsgesetz des Verrats" erfährt man sogar, daß alle Menschen Lügner sind. Dann lügt natürlich auch Links, der zwar versichert, daran zu leiden, daß er die Nazizeit als einziger einer Gruppe von Freunden überlebt hat, dem wir aber längst nicht mehr glauben.

ERNST PETER FISCHER

Jorge Volpi: "Das Klingsor-Paradox". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2001. 509 S., geb., 25,- [Euro].

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