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Heide Helwig: Johann Peter Hebel. Biographie : Das Genie aus dem Abseits

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Bild: C. H. Beck

Wie aus dem Vorsatz, Geschichten für das einfache Volk zu schreiben, Weltliteratur hervorging: Zum 250. Geburtstag von Johann Peter Hebel gibt es gleich zwei neue Biographien des Dichters.

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          Auf der geographischen Linie, die Basel mit Hausen, Lörrach, Freiburg, Karlsruhe und Heidelberg verbindet, ist seit dem neunzehnten Jahrhundert viel Kluges, philologisch Genaues und Liebevolles über den großen badischen Dichter Johann Peter Hebel geschrieben worden. In Basel wurde er 1760 geboren, in Hausen wuchs er auf, in Lörrach gab er als junger Mann Unterricht, in Freiburg wäre er einmal fast Stadtpfarrer geworden, in Karlsruhe machte er Karriere und saß unter Adel und Exzellenzen, in Heidelberg entsteht heute die Historisch-Kritische Ausgabe und in Schwetzingen wurde er 1826 begraben.

          Viele Bewunderer unter den Kollegen

          Nun wird also in diesem Jahr, am 10. Mai, sein 250. Geburtstag begangen. In Lörrach feiert ihn der Hebel-Bund, wie alle Jahre, in Stuttgart bekommt Arnold Stadler den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg, derjenige Schriftsteller also, der nach Herkunft und Ton diesem Dichter besonders nahe steht. Dann wird auch an die lange Kette der Bewunderer Hebels erinnert werden, die mit Goethe und Jean Paul beginnt und weiter zu Kafka, Benjamin, Brecht und Bloch bis zu Canetti und W. G. Sebald reicht. Für die einen, die dieser Mundart mächtig sind, ist er die „allemannische Drossel aus dem Schwarzwald“ (Jean Paul), für die anderen ist er der unvergessliche Kalenderautor des „Rheinischen Hausfreunds“ und der Briefschreiber.

          Zu dieser allseitigen Erinnerung gehört auch eine ordentliche neue Biographie. Heide Helwig hat die eine geliefert, Bernhard Viel die andere. Beide kennen natürlich die älteren Biographien, etwa die unentbehrliche von Wilhelm Zentner (1965), auch die Werkausgaben und die reiche Sekundärliteratur, aber sie verstecken diese Kenntnisse in relativ knappen Anmerkungen. Beide Autoren konzentrieren sich ganz auf die Lebenslinie dieses scheuen, verschmitzten und klugen Mannes aus der Provinz, des pflichtbewussten Pädagogen und leitenden Geistlichen der badischen Landeskirche, des politisch vorsichtigen Kalendermachers und des Dichters, den die Muse 1801/02 intensiv küsste, aber dann wieder verließ. Das Ergebnis waren die „Allemannischen Gedichte“, vielfach aufgelegt und geliebt. „Ich getraue mir kein zweites Bändchen zustande zu bringen. Der erste heilige Anflug des Genius ist schnell an mir vorübergegangen“ schreibt Hebel schon 1803.

          Juwelen der deutschen Literatur

          Gleich anschließend aber kam als Auftragsarbeit der badische Landeskalender „Der Rheinländische Hausfreund“, den Hebel ab 1807 hauptamtlich bis 1815 betreute. Dieser Tätigkeit verdanken wir einige Juwelen der deutschen Literatur von absoluter Reinheit, etwa „Unverhofftes Wiedersehen“ oder „Kannitverstan“, zurechtgeschliffen aus eher bedeutungslosen Vorlagen. Nach 1819 versiegte auch dies. Hebel trat an die Spitze der ab 1821 „unierten“ Landeskirche, wurde in die Erste Kammer berufen, erhielt Ehrendoktor und Orden, aber irgendwo in seinem Innern hockte noch ein koboldartiger anarchischer und zweiflerischer Geist, eine unerfüllbare Sehnsucht nach dem einfachen Leben als Landpfarrer.

          Heide Helwig fängt es geschickt an. Sie erzählt nicht in einer Linie von Geburt bis Tod, sondern schildert als Exposition zunächst den geographischen und geistigen Raum dieses Lebens zwischen Schwarzwald und Schweiz, Elsass und Bodensee. Dort, im „alemannischen“ Dreiländereck, umkreist sie dann den Komplex der Dialektdichtung, bei der nicht nur Herders Suche nach der Ursprache und seine „Stimmen der Völker“, sondern auch der plattdeutsch dichtende Johann Heinrich Voß, der Homer-Übersetzer, eine Rolle spielten. Erst danach schreibt sie das Leben Hebels, von den schwierigen Anfängen des bald verwaisten Knaben von der Hausener Dorfschule bis zum Schulabschluss in Karlsruhe und zur Mitgliedschaft in der „Lateinischen Gesellschaft“. Die dort gehaltenen vier Reden sind jetzt von Wilhelm Kühlmann zweisprachig ediert und musterhaft kommentiert worden.

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