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Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig : Die Vermessung der Intimität

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Bild: Verlag

Die komplexe Persönlichkeit Wilhelm von Humboldts verschwindet oftmals hinter hehren Klischees: Hazel Rosenstrauch möchte es in ihrer klugen Doppelbiographie etwas genauer wissen. Ihr Buch besticht durch die Balance von Einfühlung und Distanz.

          Auch wenn Alexander von Humboldt in den letzten Jahren durch editorische Großprojekte und Daniel Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ richtiggehend populär wurde, denkt man, zumindest im deutschsprachigen Raum, beim Namen Humboldt wohl noch immer zuerst an seinen Bruder Wilhelm. Seine engen Beziehungen zu den „Klassikern“ Schiller und Goethe, seine Bildungsidee und die Geburt eines neuen Universitätsideals unter seiner Federführung dürften dafür verantwortlich sein. Die komplexe Persönlichkeit Humboldts verschwindet hingegen hinter diesen hehren, geradezu zum Klischee erstarrten Begriffen.

          Hazel Rosenstrauch lässt nicht viel von ihnen übrig. Dies liegt keineswegs an einem durchgehend dekonstruktivistischen Ansatz, der auf Legendenzertrümmerung aus ist. Vielmehr nähert sie sich Humboldt voller Sympathie und Respekt, immer mit dem Bemühen um Verstehen und gleichzeitigem Staunen über seinen Lebensentwurf. Sie streicht aber doch die Fremdheit und Disparatheit seiner Ideen heraus und legt durch ihren doppelbiographischen Ansatz, der Humboldts Frau Caroline fast gleichrangig in den Blick nimmt, den Akzent ebenso sehr auf den Menschen wie auf den Wissenschaftler und Politiker Humboldt.

          Absolute Integrität und Prinzipientreue

          Zum Vorschein kommt ein Mann, der in heute unvorstellbarer Weise auf sich und seinen privaten Kreis fixiert ist. „Dein Glück ist immer das einzige Ziel meines Lebens gewesen“, schreibt er an seine Frau und sieht die enge Beziehung zu ihr für wichtiger an als jedes öffentliche Wirken. Gleich nach der Eheschließung verlässt er den Staatsdienst und bringt den Großteil seines Lebens mit der umfassenden Ausbildung seiner Persönlichkeit und Privatstudien zu, deren Ertrag nicht im geringsten Verhältnis zu dem betriebenen Aufwand steht. Nur in der Hochphase der napoleonischen Wirren, die auch sein Privatvermögen bedrohen, und in den Jahren patriotischen Überschwangs und Reformstrebens begibt er sich für längere Zeit in preußische Dienste.

          Absolute Integrität und Prinzipientreue bis hin zur Starrsinnigkeit zeichnen Humboldt aus. Wo er sich in seinen Kompetenzen beschnitten oder in seiner Ehre gekränkt sieht, bittet er um Demission, in keinem Amt außer dem des preußischen Gesandten in Rom hält er es für längere Zeit aus. Zunehmend gerät er nach 1815 mit den erstarkenden restaurativen Kräften in Konflikte und provoziert durch seine Kritik am preußischen Staatswesen und sein Beharren auf Reformen seine Entlassung geradezu. Großartig seine Zurückweisung einer Fortzahlung seiner Bezüge an die höchste Adresse: „Es würde mir ein innerlich peinliches Gefühl sein, eine Besoldung zu genießen, ohne in Ew. Königlichen Majestät allerhöchstem Dienst tätig zu sein.“

          Liberale Eheprinzipien

          Seine Frau Caroline entstammt altem thüringischem Adel. Hazel Rosenstrauch zeigt eine selbstbewusste, selbständige Frau, die aktiv um ihren späteren Gatten geworben hat und ihren eigenen Lebenskreis unterhält. Als Mitglied des Berliner „Tugendbundes“, zu dem unter anderen Henriette Herz und Karl von La Roche zählten, tritt sie ebenso in Erscheinung wie als Mäzenatin und Muse für Künstlerkreise in Rom. Ihre acht Schwangerschaften sind angesichts der vielfältigen Reisen quer durch Europa eine Lebensleistung für sich. Trotzdem bleibt sie im Vergleich zu ihrem Mann für den Leser weniger greifbar, und auch in puncto Sympathie sind ihre schrillen patriotischen Töne nach 1815 und ihre herben antisemitischen Ausfälle arge Belastungsfaktoren, trotz Rosenstrauchs souveräner Kommentierung.

          Die Eheprinzipien dieses vermeintlichen Traumpaares scheinen von erstaunlicher Liberalität gewesen zu sein, jeder ausschließliche Besitzanspruch scheint zu fehlen. Und doch lässt sich nur darüber spekulieren, wie sich die zum Teil handfesten Liebeleien Carolines oder Humboldts bekannte Neigung zum Aufsuchen von Prostituierten, die er vor seiner Gattin sicherlich verborgen hat, auf den Ehealltag ausgewirkt haben oder zu dem idealisch-empfindsamen hohen Stil der Briefe passen. Im Letzten weiß man also trotz der zahllosen erhaltenen Briefe recht wenig über die Beziehung der Humboldts, wozu zensorische Eingriffe Nachgeborener beigetragen haben mögen.

          Stimulierte Neugier

          Vieles reißt Hazel Rosenstrauch nur an, oftmals möchte man nachfragen oder etwas genauer wissen. Statt ein Defizit zu benennen, liegt darin aber vielmehr eine Qualität ihrer Darstellung, Rosenstrauch stimuliert die Neugier. Eine Spurensuche im modernen Rom beendet ihr schönes Buch, das durch die stete Balance von Einfühlung und Distanz und eine durchgehende Souveränität des Urteils besticht.

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