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: Haupt- und Nebenfrauen

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Kurz nachdem das englischsprachige Original "Loot" in New York erschienen ist, liegt bereits die deutsche Übersetzung vor. Es ist der erste Erzählband, den Nadine Gordimer seit 1991, dem Jahr, in dem sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, veröffentlicht. Die leidenschaftliche Kämpferin gegen ...

          Kurz nachdem das englischsprachige Original "Loot" in New York erschienen ist, liegt bereits die deutsche Übersetzung vor. Es ist der erste Erzählband, den Nadine Gordimer seit 1991, dem Jahr, in dem sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, veröffentlicht. Die leidenschaftliche Kämpferin gegen die Apartheidpolitik der südafrikanischen Regierung hat wenig später die Genugtuung erlebt, ihre Sache siegen zu sehen. Der Afrikanische Nationalrat forderte sie 1994 auf, als Abgeordnete für das neue Parlament zu kandidieren. Sie lehnte ab, wollte Schriftstellerin bleiben. Was blieb, war die Frage, ob Gordimer mit der Abschaffung der Rassendiskriminierung ihr Thema verloren habe. Die Autorin hat dies stets vehement verneint. Angesichts dieser Erzählungen stellt sie sich jedoch aufs neue. Die alten Themen wirken nach; sie hängen wie Nebelschwaden in der Luft, doch werden sie von einem neuen überlagert: dem Tod. Die Schriftstellerin hat vor zwei Jahren ihren Mann verloren. Ihm, Reinhold Cassirer, einem Sproß aus der Familie der Berliner Kunsthändler, mit dem sie fast fünfzig Jahre lang verheiratet war, ist das Buch gewidmet.

          Die Titelerzählung ist eine Parabel auf die Gier der Menschen nach Besitz und die Vergeblichkeit allen Strebens, weil der eigentliche Beutegeier, der Tod, sich nicht besiegen läßt. Er schlägt zu, wenn "die orgiastische Freude" der Raffer auf dem Höhepunkt ist. Selbst ein einsamer Alter, der nur einen kleinen Spiegel an sich nimmt - Symbol einer möglichen Selbsterkenntnis -, hat keine Chance zu entkommen. So weit, so schlüssig. Doch offenbar traut Gordimer ihrem Einfall nicht, sie spickt den knapp vier Seiten umfassenden Text mit Anspielungen auf Auden, Eliot, Shakespeare, beschwert ihn mit politischen Verweisen, die den Charakter der Parabel sprengen.

          Hat die Schriftstellerin etwa nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch ihre Sicherheit als Erzählerin verloren? Auf weite Strecken gewinnt man diesen Eindruck. "Karma", die längste Erzählung des Bands, handelt von abgebrochenen Lebensläufen - "Unfinished Lives" heißt sie im Original -, von Menschen, die vor der Zeit starben. Da ist ein kleiner Junge, der unter einen Lastwagen gerät; ein Russe, der während des Kriegs von Deutschen erschossen wird; mehrere totgeborene, abgetriebene oder gar nicht gezeugte Kinder, denen hier seltsame und oft peinliche Überlegungen in den Mund gelegt werden. Es sind Erwachsene, deren Tod nicht erklärt wird, der aber offensichtlich auf die alten Rassengesetze zurückgeht. In diesen acht biographischen Andeutungen gibt es immer wieder überzeugende Passagen: jene, die von Erlebtem, Erlittenem handeln.

          So wird von einer ehemaligen Widerstandskämpferin berichtet, die sich der Raffgier, Korruption, dem Betrug der neuen Zeit hingibt; von einem lesbischen Paar, das gern ein Kind hätte, aber von der künstlichen Insemination absieht, weil man nicht weiß, ob der Samen von einem Schwarzen oder einem Weißen stamme; von einer jungen Frau, die, als weißes Findelkind von einem schwarzen Paar aufgezogen, ins absurde Räderwerk der Rassengesetze gerät.

          Doch Nadine Gordimer scheint diesen Eindrücken aus dem Leben nicht mehr zu trauen. Jeder Geschichte stellt sie ein dunkles Zitat voran, jede taucht sie in das Licht eines Nachdenkens über das Thema wechselnder Identitäten, mehrfacher Ichs, ewiger Wiederkehr. Nachdenken freilich ist ein zu hoch gegriffenes Wort. In falschen Feststellungen, hilflosen Fragen tut sich ein philosophischer Analphabetismus, eine Metaphysik von erschreckender Dürftigkeit kund. Der Verweis, daß sich hier "Körperlose" äußern, von denen man weder richtiges Handeln noch richtiges Denken verlangen könne, ließe freilich die gesamte Konstruktion des Textes zusammenbrechen. In der Erzählung "Eine Abgesandte" wird gar eine Moskitofliege zur Abgesandten des Todes. Dennoch propagiert das Buch weder den Buddhismus noch irgendeine andere Religion, nicht einmal den Atheismus, zu dem sich Gordimer vor Jahren bekannt hat.

          In den beiden besten Erzählungen des Bandes greift sie auf Themen zurück, die ihre Stärke waren: familiäre Verwicklungen und die Liebe zwischen den Rassen. In "Generationenlücke" befassen sich erwachsene Kinder mit der plötzlichen Liebesaffäre ihres siebenundsechzigjährigen Vaters. In Begegnungen und Telefonaten zeigt sich ein Familiengeflecht, das, offiziell liberal, nicht frei von Rassismus war. Nicht ohne Humor wird vom Griff des Alten nach einem Fetzen Glück erzählt, von der Verlegenheit der Kinder, der sich zurückziehenden Mutter. "Leitsätze" handelt von der Liebe einer jungen Engländerin, die für eine Entwicklungsorganisation arbeitet, zu einem schwarzen Politiker. Episch gelassen entwickelt die Erzählerin ihre Geschichte, kunstvoll zeichnet sie die Protagonisten, die nicht mehr junge Frau, die die Vorgaben ihrer Organisation gewissenhaft befolgt, den distanzierten, ehrgeizigen Afrikaner - bis zum überraschenden Eklat: Der Schwarze will die Weiße, die in seinen Armen über ihren sklavenhaltenden Großvater geweint hat, heiraten, zu seiner Nebenfrau machen. Die Geliebte ist empört - und läßt sich von ihrer Organisation versetzen. Wer etwas über den Zusammenprall der Kulturen erfahren möchte, sollte diese meisterhafte, alle Klischees meidende, von Zwischentönen geprägte Geschichte lesen. Hier zeigt sich Nadine Gordimer auf der alten Höhe ihrer Möglichkeiten.

          RENATE SCHOSTACK.

          Nadine Gordimer: "Beute und andere Erzählungen". Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 2003. 252 S., geb., 19,90 [Euro].

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