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„1 Buch, 1 Satz“ : Japans Unterwelt hat westliche Wurzeln

Bild: F.A.Z.

Er wird als permanenter Literaturnobelpreiskandidat gehandelt, weil er zwischen den Welten schreibt: Jetzt ist der Abschluss von Haruki Murakamis Roman „Die Ermordung des Commendatore“ erschienen.

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          Es hat nicht lange gedauert, bis der zweite Band von Haruki Murakamis Roman, „Die Ermordung des Commendatore“, auf Deutsch erschienen ist: Nicht einmal drei Monate sind seit dem ersten Teil (F.A.Z. vom 23. Januar) vergangen. Da stellt sich die Frage, warum der Verlag den Text überhaupt geteilt hat, der in Japan im Vorjahr noch als Ganzes publiziert wurde. Scheu vor dem Umfang von dann fast tausend Seiten wird es nicht gewesen sein; sonst hätte man Murakamis bislang umfangreichsten Roman, „1Q84“, vor acht Jahren auch auf Deutsch in den drei Bänden erscheinen lassen können, die er in Japan einnahm; stattdessen aber fasste der DuMont Verlag die ersten beiden zu einem monumentalen Tausendseitenwerk zusammen, das sich sehr gut verkauft hat, besser als der damalige Abschlussband mit dann nur noch fünfhundert Seiten. Bleibt also der Verdacht, dass dieses Mal kühl ökonomisch gedacht wurde: Für ein einziges Buch, und sei es noch so dick, hätte man keine 52 Euro verlangen können, die die beiden Einzelteile nun zusammen kosten.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man könnte sich allerdings auch fragen, ob durch das etwas spätere Erscheinen des zweiten Bandes die bewährte Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe entlastet werden sollte, zumal sie für den Tropen-Verlag parallel noch Keigo Higashinos immerhin auch mehr als siebenhundertseitigen Thriller „Unter der Mitternachtssonne“ auf dem Schreibtisch liegen hatte. Wenn dem so gewesen wäre, hat diese zusätzliche Frist allerdings keine Wunder bewirkt. Schon früh, noch im ersten Kapitel des zweiten Bandes (dem dreiunddreißigsten in der fortlaufenden Zählung), macht jemand ein „angstvolles Gesicht“, und man fragt sich, wieso Frau Gräfe Angst vor „ängstlich“ hatte. Generell ist der vielgerühmte lakonische Ton Murakamis hier oftmals ungewohnt unbeholfen, bisweilen fast mechanisch in seiner betonten Unvirtuosität. Das muss nicht der Übersetzerin anzulasten sein, aber wenn es Murakamis Original entspräche, würde sein Ich-Erzähler, ein Maler von gewissen Fertigkeiten, ungebührlich banal gemacht.

          Nun hat Murakami immer schon gewöhnliche Helden in den Mittelpunkt durchaus ungewöhnlicher Stoffe gestellt, und auch bei seinem neuen namenlosen Ich-Erzähler, einem Mann von 36 Jahren, handelt es sich nicht um einen berühmten Meister seiner Zunft, sondern um einen Berufsporträtisten, der aber in einer Ehekrise steckt und deshalb sein Leben neu ordnet, darunter auch die Profession. Ein Freund bietet ihm das Haus seines ins Altersheim gelangten Vaters als Quartier an, und da es sich bei dem Greis auch um einen Maler handelt, und zwar diesmal um einen sehr berühmten, wird das Angebot gerne angenommen. Tatsächlich stellt sich beim Ich-Erzähler in der inspirierenden Umgebung neue Freude an der Kunst ein, nicht zuletzt durch den Fund eines vom Hauseigentümer irgendwann versteckten eigenhändigen Gemäldes, das eine Szene aus der Mozart-Oper „Don Giovanni“ zeigt: die Ermordung des Commendatore durch den Titelhelden, allerdings gemalt in traditionell japanischem Stil. Murakami hat mit diesem Hybridkunstwerk – westliches Thema und fernöstliche Umsetzung – einen subtilen Kommentar zu den eigenen Schaffensprinzipien angelegt.

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