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Hartmut Bobzin (neu übertragen): Der Koran : Der Mensch ist nicht aus Tesafilm gemacht

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Poetische Gestaltung

„Als Mose wiederkam zu seinem Volk, voll Zorn und Ärger“ klingt dagegen prosaisch. Tatsächlich besteht die poetische Gestaltung bei Bobzin hauptsächlich im Reim, den er dort verwendet, wo es sich fügt, dezent und fast immer gelungen. Umso störender macht sich vor diesem Hintergrund Bobzins Zug zur Wörtlichkeit, zum Terminologischen, bemerkbar, zum Beispiel bei den Surennamen. Die berühmte, angeblich als erste offenbarte 96. Sure heißt bei Bobzin so hässlich, wie es die deutsche Sprache nur erlaubt „Das Anhaftende“. Aber nicht Tesafilm ist gemeint, sondern etwas, aus dem der Mensch gemacht sein soll: „Trag vor im Namen deines Herrn, der . . . den Menschen aus Anhaftendem schuf.“ Suchen wir Hilfe beim Kommentar: „Die Ausdrucksweise lässt offen, ob damit Lehm, Samenflüssigkeit oder Blut gemeint ist.“ Gereicht dieses Offenlassen der Übersetzung zum Gewinn? Nein, denn das Unschöne und Unverständliche verwirrt unnötig, da die Bedeutung, nämlich eine (klebrige) Körperflüssigkeit oder Samenzelle, von keinem Ausleger in Frage gestellt wird.

Bobzin, scheint es zuweilen, will in seiner Übersetzung die beiden Extremvarianten deutscher Korane, den von Paret und den von Rückert, miteinander versöhnen. Er versucht einerseits noch genauer zu sein als Paret, andererseits versucht er, von Rückerts Idee, den Koran als Poesie, und das heißt hier in Reimen zu übersetzen, möglichst viel zu retten. Die Vereinbarkeit von Philologie und Poesie, von Wissenschaftlichkeit und Leidenschaft ist eine sehr deutsche, sehr romantische Idee. Aber Herder, Schlegel, Schleiermacher sind zu riesig, um als Vorbilder zu taugen. Bobzin orientiert sich nicht am Machbaren. Er will alles Mögliche – Lehm, Samenflüssigkeit und Blut zugleich – statt nur eines davon, was dafür lesbar wäre und einen Sinn in den Kopf des Lesers zauberte.

Die Schrift und ihre Verweise

Diese Hybris kennzeichnet seine Übersetzung als einen großen, fast manischen, zum Scheitern verurteilten und zugleich unbedingt zu würdigenden Versuch. Von allen Übersetzern hat Bobzin es sich am schwersten gemacht. Zu dem Gelungenen dieser Ausgabe, den beiden anderen weit voraus, zählt die Gestaltung. Die Koranverse sind auch als Verse angeordnet. Es gibt Luft zum Durchatmen zwischen diesen Zeilen. Wie leicht wäre es indes gewesen, dieses Prinzip konsequenter anzuwenden und die Sinneinheiten innerhalb der aus Versatzstücken zusammengestellten Suren durch Absätze voneinander abzutrennen und so dem Leser, noch vor jedem Kommentar, zu vermitteln, dass er sich nicht wundern soll, wenn manches nicht zusammenpasst und viele Zusammenhänge unklar sind.

Allen drei neuen Übersetzungen merkt man wie auch den meisten früheren an, wie der von Gläubigen vehement vertretene Mythos von der Unübersetzbarkeit des Korans auch die nichtgläubigen Übersetzer affiziert und ihnen eine oft unsinnige, der Vermittlung schadende Texttreue auferlegt. Das, was aber am Koran unübersetzbar ist, ist in Wahrheit nichts anderes als das, was auch die Muslime und selbst die gebildetsten arabischen Muttersprachler nicht verstehen und über dessen Deutung sie streiten. Die dadurch bedingte Vielzahl von Auslegungen und möglichen Übersetzungen ist zugleich der natürliche Schutz des Korans vor allen einsinnigen Auslegungen. Nicht zuletzt die Vielzahl und die Unzulänglichkeit der Übersetzungen sind es, die das Bewusstsein wachhalten, dass wir es nur mit einer Übersetzung zu tun haben – ein Bewusstsein, das im Fall der Bibel jahrhundertelang nicht existiert hat und heute noch bei allen Evangelikalen und Bibeltreuen so schwach ausgebildet ist, dass sie sich, ohne mit der Wimper zu zucken, auf Übersetzungen berufen, als wären diese vom Herrgott selbst autorisiert. Sie tun damit dasselbe, was die Fundamentalisten und die sich in ihnen spiegelnden sogenannten Islamkritiker mit dem Koran zu tun versuchen.

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