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Hartmut Bobzin (neu übertragen): Der Koran : Der Mensch ist nicht aus Tesafilm gemacht

  • -Aktualisiert am

Alle übersetzungen verwirren

Das heißt zum einen: Der Koran ist gar nicht so unübersetzbar, wie es scheint. Zum anderen: Bis heute verwirren alle Übersetzungen diesen ohnehin verwirrenden Text noch mehr. Zweihundert Seiten Kommentar hängen an den sechshundert Seiten der Übersetzung von Bobzin. Es ist ein kluger, von Gewissenhaftigkeit, Problembewusstsein und größten Kenntnissen zeugender Kommentar. Aber er dient weniger dem Leser als dem Übersetzer zur Absicherung gegen Kritik und als Dialog mit anderen Koranwissenschaftlern. Wenn Bobzin „Schranken Gottes“ übersetzt, steht im Kommentar, dass es wörtlich „Grenzen Gottes“ heißt. Wer nicht ganz so gebildet ist wie Bobzin, denkt bei Schranken an Bahnübergänge, nicht an Grenzbäume. Beides ist nicht falsch, aber die Anmerkung sät ebenden Zweifel an der Übersetzung, den sie austreiben will.

Und mit diesen zweihundert Seiten nicht genug, ist der Kommentar des Kommentars bereits angekündigt. In diesem Superkommentar werden laut Bobzin genau die Informationen stehen, ohne die eine solche Koranübersetzung kaum vernünftig gelesen werden kann. Zum Beispiel „ausführliche Informationen über die chronologische Einordnung der Suren“. Wer jetzt Sure 96 bei Bobzin liest, bekommt keinen Hinweis darauf, dass diese nach muslimischem Verständnis die erste aller offenbarten Suren ist, in jedem Fall eine der frühesten. Er wird auf den Kommentarband warten müssen oder erst einmal eine Einführung in den Koran lesen, etwa die von Bobzin selbst oder, fast noch besser, die von Michael Cook bei Reclam. Dabei wäre es einfach gewesen, die für den Laien unerlässlichen Informationen zur Chronologie, zum Aufbau der Suren, zur Entstehungsgeschichte, zu den historischen Hintergründen und, warum nicht, den gängigen muslimischen Auslegungen in dem kleingedruckten Kommentarteil mitzuliefern und dafür auf den Hinweis zu verzichten, dass das arabische Wort hudûd „Grenzen“ heiße, nicht „Schranken“.

Zweisprachige Ausgabe

Wer von den Hintergründen etwas wissen will, vor allem in ihrer muslimischen Deutung, der muss zur Ausgabe von Mohammad Asad greifen, die zweisprachig gestaltet ist und den Kommentar satztechnisch aufwendig, aber zum Schmökern einladend unter den Versen selbst anordnet. Nicht selten verliert sich Asad allerdings in seiner Privatauslegung des Korans. Man sollte seine Deutung nicht für die letzte Wahrheit nehmen, aber sie vermittelt einen Eindruck von den Diskurswelten muslimischer Selbstauslegung.

Kommentarlos kommt hingegen die Übersetzung von Karimi und Uhde daher, die den Leser dreist-charmant auf sich selbst zurückwirft, nach dem Motto: Mach doch damit, was du willst! Das tut auch Uhde in seinem emphatischen, dem christlich-muslimischen Dialog auf irgendwie mystische Weise verpflichteten Nachwort. Dafür hat die Sprache von Karimi/Uhde nichts von dem bei Bobzin immer durchhängenden Ballast früherer Übersetzungen. Sie wirkt oft frisch und hat auf eine jugendliche Weise Stil. Was unter den Tisch fällt, sind die teilweise völlig unterschiedlichen Tonlagen des Korantextes, ist der Reim, der zumindest andeutungsweise dazugehört. Das Besondere der koranischen Poesie kennt bei ihnen als deutsches Gegenstück nur die häufige Nachstellung der Adjektive. Manchmal funktioniert das. Manchmal klingt es schlicht komisch: „Wir haben euch verliehen Ermächtigung, eine offenkundige.“ Der Konkurrenz von Bobzins philologisch-sprachlicher Feinarbeit, so umständlich sie oft ist, wird die Fassung von Karimi/Uhde nicht lange standhalten. Aber spätere Übersetzer, die neue Wege beschreiten wollen, könnten hier dereinst manche Anregungen finden: „Und als zurückkehrte Mose zu seinem Volk, zornig, betrübt“ (Sure 7, Vers 150).

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