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Harry Potter IV : Lord Voldemort kommt immer näher

  • -Aktualisiert am

Kollektives Versinken: Harry Potter IV Bild: Verlag

Die Hinweise mehren sich: Harry Potter ist auf dem Weg, einer Art „Woodstock für Kinder“ zu werden, das eine ganze Lesegeneration prägt. Wilfried von Bredow war unterwegs in den Empathie-Kurven der Harry-Potter-Lektüre.

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          Am Anfang sei gleich etwas verraten: Auch der vierte Band endet mit der Heimfahrt der Schüler im Hogwarts-Express. Harry, Ron und Hermine amüsieren sich ganz gut dabei, wenngleich ein kühler Luftzug Unbehagen nicht ganz zu überspielen ist. Das hat jetzt aber weniger mit den Dursleys zu tun. Das 37. und letzte Kapitel heißt „The Beginning“. Kein besserer Anschluss an den folgenden, den fünften Harry-Potter-Band ist vorstellbar. Die Aufregungen sind erst einmal zu Ende. Aber wir werden schon darauf vorbereitet, daß das nächste Schuljahr neue und schwerere Prüfungen bereithält.

          In Großbritannien, Nordamerika und überall sonst, wo man an den vierten Band herankommen konnte, sind Hunderttausende kleiner und größerer Leserinnen und Leser kollektiv in der Rowlingschen Zauberwelt versunken. Dies - und weniger die generalstabsmäßigen Inszenierungen von Verlagen und Buchhandelsketten am 8. Juli - kündet von der unwahrscheinlich großen Attraktion der Harry-Potter-Bände.

          Woodstock für Kinder

          Ihr phänomenaler Erfolg diesseits und jenseits des Atlantiks hat viele Buchkritiker ratlos und dann zu Amateur-Literatursoziologen gemacht. Wie läßt sich, fragen sie, diese Welle der Begeisterung erklären? Väter berichten mit Erleichterung von ihren Elfjährigen, die über Harry Potter endlich, ach endlich zum Lesen gekommen seien. Mütter erzählen von Vätern, die sich erst verstohlen, inzwischen aber offen als Harry-Potter-Fans bekennen. Sie selbst haben ihr anfängliches Mißtrauen schon viel früher abgelegt. Es muß ein Zauber über diesen Büchern liegen. Hat uns die Autorin alle verhext? Werden wir Muggel (Menschen ohne Zauberkräfte) eines Tages aufwachen, uns die Augen reiben und uns fragen, ob das ganze Buchstaben-Abenteuer nur ein Erfolg von Werbung und raffiniertem Marketing war? Werden, eine ernste Befürchtung, die in Vorbereitung befindlichen Harry-Potter-Filme und Merchandising-Artikel ein Leck in unsere Imagination schlagen? Oder wird eine ganze Generation von diesem Leseerlebnis geprägt bleiben, einer Art „Woodstock für Kinder“?

          Dafür spricht freilich viel, zuallererst die literarische Qualität der Bände. Schon der immer wiederkehrende Rhythmus der Romane hat etwas wunderbar Suggestives. Auf einen langsamen Beginn und viele witzige und detailfreudig beschriebene Abschweifungen im Mittelteil folgt gegen Ende ein sich überstürzender, tumultuöser Höhepunkt, nach dem wir dann mittels einiger humorvoll-seriöser Dumbledoriana (Lebensweisheiten für Zauberer und Muggel) und ein paar Süßigkeiten (Bertie Botts Every Flavour Beans) wieder zu Atem kommen können. Wer das Buch danach zuklappt, fängt entweder gleich wieder von vorne an oder wartet gespannt auf den nächsten Band.

          Auch Band vier weicht von diesem Muster nicht ab. Wegen seiner Länge stellt Rowling ganz an den Anfang allerdings eine Art Vorspiel-Kapitel, voll mit dunklen Andeutungen. Danach sprudelt die Geschichte über mit lustigen, zuweilen doppelbödigen Einfällen der Autorin. Ihre Phantasie bei der Erfindung von Zauberwesen, manche Monster darunter, von Zaubersprüchen für alle Gelegenheiten und von komischen Konstellationen beim Zusammenprall von Zauber- und Muggelwelt scheint unerschöpflich zu sein. Jede einzelne der von ihr eingeführten Personen ist unverwechselbar. Mit manchen befreundet man sich innig; mit Hagrid zum Beispiel, über dessen ans Tragische grenzende Biographie wir hier noch weitere Einzelheiten erfahren. Die Trennlinie zwischen den Guten und den Bösen ist aber nicht, wie einige Rowling-Kritiker gönnerhaft geschrieben haben, in simpler Klarheit festgelegt. Im Gegenteil - neben ein paar eindeutigen positiven oder negativen Identifikationsfiguren, Albus Dumbledore contra Lord Voldemort, sind es gerade die Zwiespältigkeiten und Knäuel von bewußten und unbewußten, von großherzigen und egoistischen Motiven der Personen, von Moral und Interessen, die den Romanen ihre geistige Glaubwürdigkeit geben.

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