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Harry Potter I-III : Abfahrt am Gleis Neundreiviertel im Bahnhof King's Cross

  • -Aktualisiert am

Geburt einer Erfolgsreihe Bild: Verlag

Es ist das bemerkenswerte Produkt eines Seitensprungs der klassischen britischen Schulgeschichte mit der Zauber-Fantasy. Wobei zum Erfolgsrezept der Harry-Potter-Bücher gehört, dass alles sorgfältig bemessen ist, meint Joachim Kalka.

          8 Min.

          Manchmal gehen bestimmte Formen populärer Unterhaltung unerwartete Symbiosen ein: Eine gewisse Variante der Sciencefiction hat zum Beispiel so viel von der Logik des Western übernommen, dass man sie zu Beginn der vierziger Jahre als „space opera“ zu bezeichnen begann, analog zur „horse opera“ der weiten Prärie. Nicht alle derartigen Züchtungen sind Erfolg versprechend (der komische Kriminalroman erweist sich meist als Totgeburt).

          Doch die unerwartete Kreuzung einer alten, biederen, eigentlich nur regional berühmten Form mit einem seit längerem modischen Genre ist nun international zum Bestseller geworden: Das bemerkenswerte Produkt eines Seitensprungs der klassischen britischen Schulgeschichte mit der Zauber-Fantasy ist so beliebt, dass über Wochen und Monate hinweg alle drei bisher erschienenen Folgen der Serie gleichzeitig unter den zehn Spitzentiteln des englischen und amerikanischen Buchhandels waren und ein neu erschienener Band über ein Jahr lang Platz eins der Bestsellerliste der „New York Times“ blockierte.

          Und die Faszinationskraft scheint nach wie vor ungebrochen, auch deshalb, weil - ein kluger Schachzug der beharrlich über die Zukunft ihres Zyklus schweigenden Autorin - schon rege spekuliert wird, was denn in der nächsten, in wenigen Tagen erscheinenden Folge geschehen mag. Harry Potter heißt der Protagonist der mittlerweile auch in Deutschland höchst beliebten Reihe (die Auflagenzahl der deutschen Übersetzungen geht über anderthalb Millionen). Harry ist ein zu Beginn seiner Geschichte ganz unauffälliger Junge, der nach dem Tod der Eltern von einer grotesk unsympathischen Stieffamilie geplagt wird, aber an seinem elften Geburtstag unverhofft eine Einladung ins Zauberinternat erhält.

          Die ersehnte Fortsetzung

          In der Dimensionsfalte unseres Universums

          Diese Schule, die den schönen Namen Hogwarts (Sauwarz) trägt, ist - wie die anderen Partien der Zauberwelt - in einer Art Dimensionsfalte unseres Universums angesiedelt; um den Bahnsteig Neundreiviertel im King's-Cross-Bahnhof zu erreichen, auf dem der Zug nach Hogwarts abfährt, muss man (ohne dabei Angst zu empfinden) direkt auf die Absperrung zwischen den Gleisen neun und zehn zugehen und nicht innehalten. So öffnet sich das Tor. Diese Gegenwelt, in die Harry während der Schulsemester einzieht (zunächst muss er in den Ferien in die schlechte Realität seiner unerträglichen Verwandten zurück), ist überwältigend eindrucksvoll, gleichzeitig behaglich-aufregend und voller faszinierender Details - statt des elektrischen Lichts und des Telefons gibt es dort Fackelschein und Boteneulen. Rittergespenster und Poltergeister durchstreifen die Korridore des Schulschlosses; an Wintermorgen enteist der Platzwart draußen die Flugbesenstiele der Schüler. (Diese sind wichtig für den von beiden Geschlechtern leidenschaftlich betriebenen Mannschaftssport, bei dem die vier traditionellen Häuser der Schule miteinander wetteifern: Quidditch, ein mit einer verwirrenden Anzahl von Bällen und Regeln gespielter Flugkampf, in dem Harry rasch zum Star aufsteigt.)

          Der erstaunliche Durchbruch des Buches zeigt die Kraft eines Tagtraumszenariums, dessen Verfasserin, Joanne K. Rowling, mit sicherer Hand Originalität und Konventionalität des Genres vermengt und ein Rezept komponiert hat, das unwiderstehlich scheint. Es bleibt etwas Unerklärliches an diesem rauschhaften Erfolg, der sich durchs Internet wälzt, Harry Potter auf die Titelseite von „Time“ gebracht hat, Zehntausende von Kids mit Aufklebern der blitzförmigen Stirnnarbe Harrys herumlaufen lässt, aber auch die Buchhandlungen füllt, welche die Autorin auf ihrer Lesereise besucht - die Verkaufszahlen der ersten drei Bände bieten bereits Anlass zu den optimistischen Spekulationen über die plötzlich wieder viel rosiger gesehene Zukunft des Lesens.

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