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Harry Mulisch: „Die Prozedur“ : Der Golem in der Schlinge

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Bild: Verlag

Du sollst kein neues Leben schaffen, wohl aber einen glänzenden Roman: Harry Mulischs „Die Prozedur“.

          5 Min.

          Mit dem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1993) ist Harry Mulischs Stern groß und prächtig am literarischen Firmament aufgegangen. Groß und prächtig war auch die Konzeption des Achthundert-Seiten-Romans, in dem es gewissermaßen alles doppelt gab: zwei Engel für die himmlische Reflexion, zwei Freunde für die Bildung und für zwei Wissenschaften, Sprachwissenschaft und Astronomie, die sich ins Enzyklopädische verbreiteten. Aber es gab den einen Animateur, der sein Füllhorn an intellektueller Belustigung und weltläufigem Entertainment über diese Welt ausgoß. Bescheiden ließ er im Roman einen niederländischen Schriftsteller sagen: „Ich phantasiere nie, ich erinnere mich an Dinge, die nie geschehen sind.“

          Mulisch ist ein Autor, der seine stupende Intelligenz verbergen muß. Das gelingt selbst ihm nicht völlig. In seinem neuesten Roman lautet das poetologische Understatement: „Der Roman ist eine Maschine, die sich selber baut, und der Leser muß dann halt sehen, wie er damit klarkommt.“ Nur ist es keine einfache Prozedur, die Romanmaschine zu diesem Selbstbau zu bewegen. Und - seien wir ehrlich - der Ehrgeiz eines guten Romanciers geht über die Maschine und den l'homme machine hinaus. Er möchte Leben schaffen. Leben aus Wörtern, aus Formeln. Eine quasi alchimistische „Prozedur“ - wie es ja auch der Titel des neuen Romans sagt. Zu ihrem Gelingen benötigt der Autor einen Komplizen, der ihm hilft, den Roman, diesen Golem aus Sprache, zum Leben, zum Atmen zu bringen. Er braucht den Leser.

          Kein Romanautor kann Mitarbeiter engagieren, er muß uns verführen. Harry Mulisch ist ein großer Verführer. Denn nur ein Verführer, der seiner Sache ganz sicher ist, kann die Erfüllung so weit aufschieben, daß sie fast schmerzhaft herbeigesehnt wird. Ja, vielleicht ist die Vorlust, die er erzeugt, schon die Erfüllung selbst - und der Rest, aber das sehen wir noch. Es soll nur angedeutet werden, wie er uns auf die Folter spannt. Das erste Kapitel zumindest ist eine Prüfung, an der mancher Kandidat scheitern dürfte. Wer nicht versagt, ist um so stolzer. Ihm wird auch das Augenzwinkern des Erzählers nicht entgangen sein. „Klar, ich kann natürlich mit der Tür ins Haus fallen und mit einem Satz beginnen wie Das Telefon läutete.“ Lieber Herr Mulisch, murmeln wir, tun Sie das bitte nicht! Das Telefon wird schon noch läuten, aber das wird nicht so wichtig sein.Wir arbeiten uns also durch eine sehr ernste Darlegung schwieriger theologischer Dinge: Wie war es mit der Erschaffung Adams eigentlich genau? Warum machte Gott in der sechsten Stunde zunächst einen Erdkeim, einen Golem? Was hat es mit dem geheimnisvollen „Sefer Jezira“ auf sich, das man nur zu zweit verstehen kann? „Das trifft sich gut“, heißt es dann, „denn auch wir sind zu zweit, Du und ich.“

          Nicht der Leser wird hier geduzt, sondern ein anderes Du angesprochen: die Tochter des Erzählers, die nie geborene Tochter, wie wir erst später begreifen. Wir aber haben die „unreinen Mitleser“ hinter uns gelassen, sind Mitwisser geworden und fortan bereit, unserem Guide bis ans Ende der Welt zu folgen. Zumindest in das Prager Ghetto von anno 1592 oder auf den Campus von Berkeley und in den hinteren Raum von Venedigs Harrys Bar. Und dort, im Mondänen, fühlen wir uns keinen Moment durch Prätention peinlich berührt.

          Der strenge und elegante Guide ist Victor Werker, ein weltberühmter nobelpreisverdächtiger Chemiker, und ihm ist das Unmögliche gelungen: als Entdecker des „Eobionten“ Leben aus der Retorte zu erzeugen. Er ist aber zugleich jener Mann, dem ein totes Kind geboren wurde, eine Tochter, die sich mit ihrer Nabelschnur stranguliert hatte. Sein Weiterlebensproblem besteht nun darin, daß der „weltberühmte Lebenmacher“ seinerzeit die Flucht ergriff, als der Tod auf dem Programm stand. Er verließ den Kreißsaal. Clara, die Mutter, hat sich daraufhin von ihm getrennt, und nun schreibt er Briefe an seine tote Aurora und schickt sie an Clara, offenbar in der Hoffnung auf ihre Rückkehr.

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