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Harald Martenstein: Ansichten eines Hausschweins : Mehr Zitronen nach Wolfsburg

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Bild: Verlag

Von Fragen der Altervorsorge über Margot Käßmann bis hin zum Antifaschismus und Orgasmusproblemen: Eine Auswahl der schönsten Kolumnen von Harald Martenstein.

          Der Philosoph Ralf Konersmann hat vor ein paar Jahren einen aufschlussreichen Essay über „Kulturkritik“ (2008) veröffentlicht. Die bis heute verbreitete Rede von einer Krise der Kritik, der im Laufe der Jahre ihre letztverbindlichen Überzeugungen abhanden gekommen seien, bietet dem Philosophen die Vorlage für seine These: In die Krise geraten sei nur jene Kritik, die sich „als Inhaberin des überlegenen Standpunkts“ wähnte und sich dabei auf die Wahrheit, die Vernunft oder die Geschichte berufen habe.

          Damit aber sei es nun vorbei. „Statt klare und starke Orientierungen vorzugeben“, erhebe die moderne Gesellschaft „die durchaus beträchtlichen Anforderungen einer spielerischen, einer informellen und zutiefst demokratischen Urteils- und Kritikkultur.“ Dies erklärt nicht nur, warum das nationalschriftstellerische Mahnen und Warnen eines Günter Grass heutzutage kaum noch anschlussfähig ist, sondern liefert zugleich eine präzise Lektüreanleitung für die „Zeit“- und „Tagesspiegel“-Kolumnen von Harald Martenstein, die nun in umfangreicher Auswahl als Buch erschienen sind.

          Ein klassischer Besserwisser

          Über „positive Entwürfe“, über ein „Programm“ gar, das Konersmann der gegenwärtigen Kulturkritik abspricht, verfügt auch Martenstein nicht - stattdessen aber vollzieht er einschlägige Abgrenzungsbewegungen. Maxim Biller etwa, der in jedem seiner Zeitungsartikel darauf hinweise, „wie schrecklich Deutschland ist, wie furchtbar die Deutschen sind und wie sehr er unter seinem Leben in Deutschland leidet“, sein „Einschlagen auf alles und jeden, Münte oder Merkel, alles eine Soße“, lehnt Martenstein rundheraus ab. Ich bin keiner von euch: In dieser Haltung bestehe die Arroganz von Leuten wie Biller, die sich aufgrund ihrer eingebildeten Außenseiterposition „nicht wirklich mit diesem Land auseinandersetzen“, sondern lediglich ihr Ressentiment pflegen.

          Ähnlich abwehrend äußert sich der Kolumnist über das politische Kabarett. Der Kabarettist bilde sich ein, einen erhöhten Standpunkt zu beziehen, von dem aus er „das zu seinen Füßen stattfindende Gewimmel des politischen Geschäfts“ beurteilen zu können meint - gerade so, als würde er das Regieren besser beherrschen als Merkel und Co. Der Kabarettist ist für Martenstein der „klassische Besserwisser“, dessen flache Pointen „früher, als die Gesellschaft noch autoritär war und Politiker ferne Lichtgestalten“, eine befreiende Wirkung erzielt haben möge. Aber heute?

          Bloß weg von der Allerweltsmeinung

          Dreh- und Angelpunkt der Kolumnen von Martenstein ist dagegen das eigene Ich mit seiner beschränkten Optik, wodurch die Anmaßung vermeintlicher Allgemeinverbindlichkeit immer schon hintergangen wird. Ganz entschieden vertritt Martenstein eine Haltung der „Nicht-Arroganz“ (Konersmann), und dazu gehört es, dass der Schreiber immer wieder die Vorläufigkeit, ja Fehlbarkeit seiner Ausführungen betont. „Es war nicht gerade der tiefgründigste Text meines Lebens“, so gesteht Martenstein an einer Stelle unumwunden ein, und erläutert, das wöchentliche Produzieren der Kolumnen sei nun einmal ein wechselvolles Geschäft, das sich in zumindest einem Punkt vom, sagen wir, Wurstverkaufen nicht unterscheide: „In manchen Wochen macht es Spaß, in anderen keinen. Das war immer so, von Anfang an. It’s a job, ya know.“

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