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Harald Hartung: Der Tag vor dem Abend : Die Wahrheit liegt auch mal in Gips

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Bild: Verlag

Relevant ist, was für einen selbst relevant ist: Harald Hartungs Aufzeichnungen über sich und die Lyrik erscheinen zu seinem achtzigsten Geburtstag.

          Was Hans Blumenberg über die Philosophie sagte, gilt Harald Hartung zufolge auch für die Lyrik, nämlich dass sie ein Angebot ist, das nicht ausschließt, dass „die meisten Menschen anderes und Besseres zu tun haben, als Gedichte zu schreiben“.

          Hartung hat sich als Dichter, Essayist, Literaturprofessor und Kritiker so intensiv mit der Lyrik beschäftigt wie wohl kein anderer, aber er stimmt nicht in die notorische Klage über die mangelnde Wertschätzung der Gattung ein. Die Frage „Für wen eigentlich?“, die sich Blumenberg in seinen letzten Jahren gestellt haben soll, erübrigt sich, weil die Poesie bei allem Ernst der Beschäftigung mit ihr doch ein Spiel sei. Relevant ist, was für einen selbst relevant ist.

          Kurzfristige Magie

          So weist Hartung Resignation ab, doch interessiert er sich in seinen Aufzeichnungen seit 1998 zunehmend für die Resignation anderer, für Aufhören, Rückblick, Trennung, Abschied und letzte Worte. Für jeden Menschen, zitiert er Helen Wolff im Zusammenhang mit Max Frischs Entschluss, das Schreiben bleibenzulassen, komme die Stunde der Resignation. Noch die jüngsten Aufzeichnungen aber zeugen von Neugier bei der Lektüre, der Menschenbeobachtung, von Freude am Reisen und der bildenden Kunst, von wacher Zeitgenossenschaft, auch was das Politische betrifft. Die tröstlichen und schönen Bemerkungen zum Alter, die das Bändchen reichlich enthält, changieren funkelnd zwischen Melancholie, Heiterkeit und ironisch relativierter Sorge um sich selbst.

          “Diese Lyriker, sie können niemandem weh tun“, hat Marcel Reich-Ranicki einmal zu Hartung gesagt und es für Karl Krolow noch einmal wiederholt. Auch eine befreundete Schriftstellerin meinte, Hartung müsse mutiger werden. Beides aber stimmt nicht durchweg. Hartung ist, wie den Lesern dieser Zeitung wohlbekannt ist, ein maßvoller, vorsichtiger und freundlicher Kritiker, der immer bereit ist, jeder intensiven Bemühung in der Gattung seinen Respekt zu erweisen. Wenn er aber Prätention und schlechtes Handwerk wahrnimmt, dann scheut er vor dem eindeutigen, oft auch spöttischen Verriss nicht zurück. Und wenn er daraufhin von einem gekränkten Poeten hasserfüllt angestarrt wird, dann gefällt ihm das „fast“. Daran erkennt man den wahren, den leidenschaftlichen Kritiker, der sich freilich jederzeit bewusst ist, dass er „eine kurzfristige Magie“ ausübt.

          Eine ungeheure Erfindung

          Auch dieses Büchlein zeugt von Warmherzigkeit, zugleich aber von Distanz. Stillosigkeit und falsche Töne geben Harald Hartung regelmäßig einen „Stich ins Herz“, so wenn ein Büchner-Preisträger meint, den „lieben Georg“ nun duzen zu müssen. Stephan Hermlin war besonders stolz auf die Zeile „Was ich ganz scheine, dessen bin ich bar“. Das sei vollkommen wahr. Hartung liest das kühl als „das Eingeständnis, sich lebenslang maskiert zu haben“. Im Übrigen sei das „als Formulierung ziemlich verschmockt“. Ohne Eifer, eher amüsiert fügt er an, die Wahrheit komme eben manchmal in Gips daher.

          Hartung berichtet auch von den kleinen und größeren Unannehmlichkeiten des Alters, lässt sich aber gern von dem Hirnforscher Ernst Pöppel belehren und trösten, das Alter bringe „eine verlangsamte, aber nicht wirklich reduzierte Informationsverarbeitung“ mit sich. Wer sich mit Gedichten beschäftigt, dessen Gehirn hat Pöppel zufolge ohnehin von jeher und jederzeit viel zu tun: „Das Gedicht war eine ungeheure Erfindung. Bevor es die großen Schriften gab, wurde das ganze Menschenwissen in gebundener Sprache überliefert.“

          Es gibt vermutlich keine bedeutende Lyrik, die Harald Hartung nicht gelesen hätte. Das Schreiben wird er auch nach seinem kürzlich gefeierten achtzigsten Geburtstag zum Glück noch lange nicht bleibenlassen.

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