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Hanya Yanagihara Bild: interTOPICS /Sophia Evans

Roman „Das Volk der Bäume“ : Werk und Verbrechen – kann man das trennen?

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Achtzehn Jahre hat die großartige Autorin Hanya Yanagihara an ihrem Erstling gearbeitet. Jetzt erscheint „Das Volk der Bäume“, die Geschichte eines päderastischen Wissenschaftlers, auf Deutsch.

          Neulich im Café: Alles war gerade ganz friedlich, da kam plötzlich „Billie Jean“. Und dann, als der Schock sich gelegt hatte, kurz danach auch noch „Black or White“. Was tun? Sofort aufstehen? Sitzen bleiben und das nicht zu verhindernde innere Mitsingen nach außen hin durch einen besonders kritisch-alarmierten Gesichtsausdruck kompensieren? Auch nach all den Feuilletondebatten über die wahrscheinlich nötige, aber höchstwahrscheinlich unmögliche Trennung zwischen zu schützender Kunst und zu verurteilendem Künstler weiß man immer noch nicht mehr, als dass das Ganze ein Dilemma ist. Unlösbar.

          Ach, hätte man doch „Das Volk der Bäume“ von Hanya Yanagihara im Café dabeigehabt! Dieser Roman nämlich, das Debüt der Schriftstellerin und Journalistin, die 2016 mit ihrem zweiten Buch „Ein wenig Leben“ („A Little Life“) weltbekannt wurde, gibt eine sehr überzeugende ästhetische Antwort darauf, wie man Werk und Verbrechen trennen beziehungsweise: mit beiden zusammen umgehen kann.

          Beinahe experimentelle Literatur

          Achtzehn Jahre hat Yanagihara an ihrem Debüt geschrieben. „Die Erinnerung daran ist vor allem die Erinnerung an eine furchtbare Zeit in meinem Leben: Es ist Sommer, alle sind irgendwo draußen am Strand, nur ich sitze am Schreibtisch“, sagte sie neulich bei einer Lesung in Berlin ziemlich fröhlich. Es ist ja auch ein großes Glück: Nicht nur, dass sie achtzehn Jahre lang hartnäckig geblieben ist, sondern auch, dass das Buch sechs Jahre nach Publikation des amerikanischen Originals endlich ins Deutsche übersetzt worden ist.

          „Das Volk der Bäume“ ist ein grundlegend anderes Buch als „Ein wenig Leben“: keines, das man fast ohne Pause verschlingt und beweint, keines, das rückhaltlose Identifikation mit den Hauptfiguren fordert. Hier geht es nicht um vier enge Freunde in New York, sondern um eine Gruppe einander nicht besonders sympathischer Wissenschaftler auf einer fiktiven Insel. Anstelle des Ortes, der einem zutiefst vertraut ist, und sei es nur aus anderen Büchern, Filmen, Songs, also ein imaginärer Ort, für dessen allererste innere Vorstellung man im Kopf erst Platz schaffen muss. Anstelle von Identifikationsfiguren eine Hauptfigur, die einem noch vor dem ersten Kapitel durch Zeitungsberichte als Verbrecher offenbart wird. Auch der sexuelle Missbrauch, der in beiden Texten zentral ist, wird von der entgegengesetzten Seite beleuchtet: in „Ein wenig Leben“ durch die Psyche eines Überlebenden, in „Das Volk der Bäume“ durch die Memoiren eines Täters. Wo „Ein wenig Leben“ hineinzieht, hält „Das Volk der Bäume“ auf Distanz. Und gerade die Konstruktion dieser Distanz ist es, die an dem Buch so sehr fasziniert, die es zu einem so beeindruckenden, beinahe experimentellen Stück Literatur macht.

          Achtzehn Jahre und achtzehn Monate

          Es geht um den Arzt Dr. Norton Perina, der in den 1950er Jahren als junger Medizinabsolvent zusammen mit einem berühmten Ethnologen eine Forschungsreise zu einer Inselgruppe in der Südsee unternimmt. Die wichtigste der fiktiven Inseln ist Ivu’ivu, Perina ist dort für die Untersuchung der indigenen Bewohner des Dschungels zuständig. Ziel der Forschungen ist es vor allem, hinter das Geheimnis der hohen Lebenserwartung der Inselbewohner zu kommen: Einige sind schon über zweihundert Jahre alt. Dabei entdeckt er unter anderem eine Schildkrötenart namens Opa’ivu’eke, verschiedene, auch problematische Rituale – und seine große Liebe zu den Kindern der Inselfamilien, von denen er über die Jahre insgesamt mehr als vierzig adoptieren und mit sich zurück in die Vereinigten Staaten nehmen wird. In den 1970er Jahren wird ihm für seine Entdeckungen der Nobelpreis verliehen, seine Veröffentlichungen machen die Insel aber auch bekannt und setzen sie massiven Eingriffen und Veränderungen aus. Perina ist darüber entsetzt. Für seine eigenen Taten, für die er 1997 angeklagt und verurteilt wurde, die mehrfache Vergewaltigung von einem seiner Adoptivsöhne, gilt das nicht.

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