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Roman „Das Volk der Bäume“ : Werk und Verbrechen – kann man das trennen?

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Mehr braucht man zum Inhalt des Romans nicht zu wissen – höchstens noch, dass Dr. Perina ein reales Vorbild hat: der Mediziner Dr. Daniel Gajdusek, ebenfalls Nobelpreisträger, ebenfalls wegen sexuellen Missbrauchs an einem Adoptivsohn verurteilt, arbeitete mit Yanagiharas Onkel am gleichen Forschungszentrum, sein Name war ihr als Kind sehr vertraut. Dass sie eines Tages über ihn schreiben wollte, wusste sie schon früh. Für Recherche und Schreiben hat sie allerdings noch einmal achtzehn Jahre gebraucht. Als „Das Volk der Bäume“ dann 2013 erschien, bekam es ein paar positive Rezensionen, wurde insgesamt aber wenig beachtet. Den zweiten Roman schrieb sie daraufhin in nur achtzehn Monaten, der Erfolg machte sie 2016 weltweit bekannt.

Großartige Übersetzung von Stephan Kleiner

Das Entscheidende aber ist die Textform. „Das Volk der Bäume“ ist als Herausgeberfiktion konstruiert. Das heißt, die Veröffentlichungsumstände der Erzählung werden miterzählt, als ebenfalls fiktionale Geschichte: Ronald Kubodera, Perinas ihm treu ergebener Assistent, spricht in einem Vorwort und in umfangreichen Fußnoten, und er schickt dem Text eine Karte der Inseln und zwei Zeitungsartikel zur Verhaftung Perinas voraus. Daran muss man erst einmal vorbei, ehe man zu den Memoiren kommt. Ganz am Ende folgen noch ein Epilog, ein Nachtrag, ein Anhang mit zeitlichem Überblick und einem Glossar ausgewählter u’ivuanischer Begriffe.

So entsteht eine Schutzzone um die Stimme des Verbrechers herum: Sie ordnen das, was er erzählen wird, in einen Kontext ein, sorgen zum Beispiel dafür, dass der Roman mit der Benennung der Taten beginnt und endet. Dazwischen folgt man Perinas eigener Erzählung seines Lebens, von der Kindheit über das Studium und die minutiöse Entdeckung und Erforschung der Insel bis zur Adoption und Erziehung der Kinder. Er scheint genau und beinahe naiv offen zu beschreiben. Entlarvend wirkt erst recht die bedingungslose Loyalität seines Assistenten. „Norton ist ein Genie, und das ist alles, was in meinen Augen zählt und meiner Ansicht nach für die Geschichte zählen sollte“, schreibt er gleich zu Anfang: „Ich möchte nicht weniger als Nortons Ruf wiederherstellen. Weniger als das für einen Mann zu tun, welcher der Welt der Wissenschaft und der Medizin so viel gegeben hat, wäre, in einem Wort, unverzeihlich.“ Die übrigens großartige Übersetzung von Stephan Kleiner lässt den doppelbödigen Humor der stellenweise satirischen Übertreibungen und der Wissenschaftssprache der Fußnoten perfekt durchscheinen.

„Ein geborner Teufel ist’s“

Zwischen diesen verschiedenen Textbausteinen findet das Spiel zwischen Distanz und Einfühlung statt: Man kann ja nicht anders, als sich in jemanden, dessen Lebenserzählung man liest, hineinzuversetzen – auch, wenn man von Anfang an weiß, dass man der Erzählung eines Verbrechers folgt. Ständig ist man beim Lesen damit beschäftigt, diese beiden Gefühlszustände auszutarieren: ohne Anteilnahme kann man einer Erzählung nicht folgen, ohne Distanz aber kann man eine Ich-Erzählung, die in die Vergewaltigung eines Kindes münden wird, nicht ertragen.

Und geht es bei der Hilflosigkeit gegenüber Michael Jacksons eingängiger Musik nicht genau darum: um die Angst, nichts tun zu können gegen eine automatische Identifikation, die Angst davor, den nötigen Abstand nicht halten zu können, sondern beim Zuhören automatisch zu bejahen und zu bestärken, weiter zu erhöhen und zu bewundern? Gibt es eine Art der Kunstrezeption, die nicht überhöhend, nicht affirmativ ist? Hanya Yanagihara zeigt mit „Das Volk der Bäume“, dass es geht.

Die Haltung der Erzählerin ist dennoch eindeutig. Ein Zitat aus Shakespeares „Der Sturm“ ist dem Roman als Motto vorangestellt: „Prospero: Ein geborner Teufel ist’s, / An dem Erziehung nichts verbessern kann.“ Erziehung kann nichts verbessern. Erzählung schon. Vor allem wenn sie so vollkommen undidaktisch und erfinderisch ist wie in „Das Volk der Bäume“.

„Ich interessiere mich dafür, was es bedeutet, menschlich zu sein“ („what it means to be human“, formulierte sie neulich in einem Gespräch mit dem Fotografen Alec Soth im „T Magazine“ der „New York Times“, dessen Herausgeberin sie ist, ihren eigenen Schreibantrieb. Menschlich ist es auch, sich nach der vollkommenen Identifikation und Bejahung in der Kunst zu sehnen. „Ich kann verstehen, wenn jemand die Musik von Michael Jackson nicht mehr hören mag“, sagte sie in Berlin auch: „Ich aber höre sie weiter.“ Kein Wunder: Sie weiß schließlich, wie das gelingt, die großartige Hanya Yanagihara.

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