https://www.faz.net/-gr3-7bcm8

Hans Pleschinski: Königsallee : Wie Thomas Mann einmal den Kopf in den Nacken legte

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H. Beck

Was hätte sein können, aber nie geschah: Der greise Zauberer trifft in Hans Pleschinskis Roman „Königsallee“ auf den schönen Jüngling, den er einst liebte.

          Es ist sechzig Jahre her. Mit diesem Satz hat Sir Walter Scott im Titel seines berühmten Romans „Waverley oder Es ist sechzig Jahre her“ (1814) den idealen Zeitraum bemessen, der im historischen Roman die erzählte Geschichte von der Gegenwart des Lesers trennt, und an diese Zweigenerationendistanz haben sich gattungsbewusste Autoren wie etwa Theodor Fontane fortan gehalten, denn dessen Roman aus dem Winter 1812/13 „Vor dem Sturm“ erschien nach langen Wehen im Jahre 1878.

          Nun hat auch der Deutschen liebste Dynastie, die Manns, in Hans Pleschinski ihren Walter Scott gefunden, denn Pleschinskis possierlicher Roman über „der Deutschen spannendste Familie“, wie er hier Thomas Mann selbst sagen lässt, spielt im Jahre 1954, also vor sechzig Jahren. War das eine spannende Zeit? Wie man es nimmt. Dem Ort jedenfalls, an dem der Roman „Königsallee“ spielt, Düsseldorf am Rhein, konnte man es 1954 ansehen, dass er vor nicht allzu langer Zeit auf einem riesigen Schlachtfeld gelegen war.

          Heiteres Sommerbuch

          Gewiss hätte Pleschinski seinen Roman auch „Klaus in Düsseldorf“ nennen können, aber dies hätte einerseits den dynastischen Charakter seiner historischen Erzählung über die Rückkehr eines vertriebenen Geistesfürsten verstellt und andererseits zu aufdringlich an Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ erinnert, auf dessen Vorbildcharakter das Buch ohnehin auf manchmal penetrante Weise anspielt. Im August 1954 kehrt der Kaufmann Klaus Heuser, der seit 1936 in Ostasien gelebt hat, in Begleitung seines indonesischen Lebensgefährten zu einem Besuch seiner Eltern in seine Geburtsstadt Düsseldorf zurück. Die Stadt befindet sich in gemessener Aufregung, weil Thomas Mann zum ersten Mal seit seiner Emigration zu einer Lesung in Düsseldorf erwartet wird, ein Ereignis, von dem sich die Würdenträger einen entscheidenden Beitrag zur Wiederherstellung der kulturellen Reputation und damit auch des internationalen Ansehens der Stadt erhoffen. Dies ist die Ausgangskonstellation des Romans.

          Sie bezieht ihren erzählerischen Reiz aus dem, was nicht fiktiv ist: der leidenschaftlichen Liebe zu dem damals siebzehnjährigen Klaus Heuser, die Thomas Mann 1927 in Sylt ergriffen hatte, dem Besuch des schönen Jünglings im Hause des Dichters in München, den wenigen Briefen, die später zwischen den beiden gewechselt wurden. Man muss, um ermessen zu können, was diese Leidenschaft für Thomas Mann bedeutete, eine Tagebuchnotiz aus dem Jahre 1942 zitieren, zumal Pleschinskis Roman mehrfach auf sie anspielt: „Nun ja, - gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte, - es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.“ Im Rückblick auf seinen Düsseldorfer Aufenthalt hat der Dichter am 29. August 1954 im Tagebuch notiert, dass „der Geliebte von einst“ „nächstens“ nach Europa zurückkehren und ihn dann besuchen werde; befriedigt hält er fest: „Ist unverheiratet geblieben. Erika: ,Da er den Z nicht haben konnte, hat ers lieber ganz gelassen.’“

          Kultur- und literaturgeschichtlich aufschlussreich

          Pleschinskis Roman malt sich aus, was doch hätte sein können und nicht geschah: die Düsseldorfer Wiederbegegnung zwischen dem „Geliebten von einst“ und dem greisen Erzähler, dem nicht mehr lange zu leben vergönnt war, so wie dieser sich in „Lotte in Weimar“ die Wiederbegegnung zwischen Charlotte Kestner und dem alten Goethe ausgemalt hatte. Und wie Thomas Manns Goethe-Roman vornehmlich in einem Hotel situiert ist, lässt nun auch Pleschinski seinen Thomas-Mann-Roman fast ganz in einem Hotel, dem Breidenbacher Hof an der Königsallee, spielen, in dessen Personal der Leser gern Düsseldorfer Nachkriegsaktualisierungen der entsprechenden Figuren aus dem Weimarer Gasthof „Zum Elephanten“ erkennen darf. Im Breidenbacher Hof quartieren sich, ohne dass man voneinander weiß, Herr und Frau Thomas Mann nebst Tochter Erika sowie Klaus Heuser und sein Gefährte ein; hinzu kommt allerlei anderes kultur- und literaturgeschichtlich aufschlussreiches Personal. Menschen im Hotel: eine Komödienkonstellation.

          Und so öffnen und schließen sich denn 360 Seiten lang zahlreiche Türen, was Gelegenheit zu manchen farcenhaften Szenen gibt, bis endlich, beim Empfang nach Thomas Manns Lesung, geschieht, was geschehen muss: „Die Blicke trafen sich. Thomas Mann legte den Kopf in den Nacken, schloß die Augen. Klaus Heuser räusperte sich auf den Handrücken.“ Sehr schön. Es folgen noch dreißig Seiten bis zur gemeinsamen Betrachtung des Sonnenaufgangs im Park von Schloss Benrath. Auch sehr schön.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Überraschend schräg

          Winona/Minnesota : Überraschend schräg

          Die kleine Ortschaft Winona war nur ein Zwischenstopp auf einer Reise durch Minnesota – aber was für einer! Von der Begegnung mit Kunstsammlern, Biertrinkern, Kanuverleihern und anderen Exzentrikern.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.