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Hans Magnus Enzensberger: Meine Lieblings-Flops : Ich schreibe, Sie zahlen - das ist ein einfaches Geschäft

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Pleiten, Pech und Peinlichkeiten: Hans Magnus Enzensberger versammelt seine lustigsten und produktivsten Fehlschläge. Im Gegensatz zu uns Normalsterblichen kann sich das Multitalent Peinlichkeiten genüsslich eingestehen.

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          Flop, im Duden mit „Misserfolg“ oder „Niete“ übersetzt, sei ein „neues und durchaus erfreuliches Fremdwort“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in der „Prämisse“ zu seiner Anthologie der Debakel. Dabei verschweigt er dem Leser, vermutlich absichtlich, jene von Fritz Pingl entwickelte Hochsprungtechnik, die sich 1968 mit dem Olympiasieg von Dick Fosbury weltweit durchsetzte. Beim Flop kann die rücklings zu überquerende Latte bei gleicher Sprungkraft höher gelegt werden. Für einen literarischen Weltmeister sind Misserfolge nicht einfach Pleiten, die man schnell abhakt, sondern befördern Erkenntnis oder führen gar zur Erleuchtung. „Sie gewähren Einblicke in die Produktionsbedingungen, Manieren und Usancen der relevanten Industrien.“

          Vor allem aber lassen sie sich vergnügt erzählen. Flops werden bei Enzensberger zu unterhaltsamen Kunststückchen. Wie langweilig wäre die Aufzählung seiner Triumphe ausgefallen, von der unglaublichen Massenwirkung seiner Lyrik und seiner Essays über die legendäre Folge des „Kursbuchs“ und die wundersame „Andere Bibliothek“ unter seiner Herausgeberschaft bis zum internationalen Erfolg der romanhaften Biographie „Hammerstein oder der Eigensinn“ (2008).

          Luxuriös scheitern

          Bei der Vorführung der Kino-Flops bis zu „Humboldt“ (2007) kann man lernen, wie man mit tumben Produzenten und sonstigen Barbaren der Filmbranche umgeht. „Ich schreibe, und Sie zahlen. Das ist ein einfaches Geschäft. Sollte der Film tatsächlich gedreht werden, werde ich mir mit dem größten Vergnügen die Rohfassung anschauen, ohne zu murren.“ Bekommt man einen Vertrag, sollte man „ein paar der absurderen Klauseln“ streichen und im Übrigen seiner „Phantasie freien Lauf lassen“.

          Der lustigste Theater-Flop bestand darin, dass Enzensbergers Übersetzung von Calderóns „Die Tochter der Luft“ von Frank Castorf inszeniert wurde. Den Übersetzer hatte man dezenterweise zur Premiere nicht eingeladen. Komisch auch, dass „Ohne uns. Ein Totengespräch“, in dem sich ein Terrorist und ein Banker alte Witze erzählen, 1999 bei den Salzburger Festspielen vor höflich zuhörenden Honoratioren aufgeführt wurde. Ebenso luxuriös scheiterte das durch die nackten Mädchen von „Lui“ finanzierte Hochglanzmagazin „TransAtlantik“, was „wertvolle Einblicke in das mörderische Geschäft am Zeitungskiosk“ erbrachte.

          Peinlichkeiten statt Erleuchtung

          Fallhöhe war auch beim 2005 mit dieser Zeitung vereinbarten Projekt „Frankfurter Allgemeine Bibliothek“ gegeben. Von Franz Greno gewohnt schön gestaltete Blindbände und eine Liste hochmögender Autoren standen schon vor den staunenden Augen der literarischen Öffentlichkeit, als das vom Eichborn Verlag angerufene Oberlandesgericht dem Herausgeber unter Androhung eines Zwangsgeldes von 250 000 Euro jegliche der „Andereren Bibliothek“ ähnliche Tätigkeiten verbot. Damit war wieder die Latte, nämlich die Geschäftsgrundlage entfallen. Der märchenhafteste Flop war zweifellos das Projekt „Fountain of Poetry“, in dem immerfort Texte auf fließendes Wasser gebeamt werden sollte, was der Scheich von Dubai als „futuristisches Monument in einem Meer von Sand“ 2009 unbedingt haben wollte. Enzensberger und André Heller wurden zwar im Luxushotel „maßlos verwöhnt“, aber vom Scheich hörten sie nichts mehr.

          Wir aber, die wir auch „dichten, spielen, malen, filmen, singen, meißeln oder komponieren“, die wir vom Dichter etwas gönnerhaft als „liebe Schwestern und Brüder in Apoll“ angeredet werden, finden das alles nicht so amüsant, lehrreich und erfrischend, wie Enzensberger glaubt. Uns trägt ja niemand solche Projekte an, auf unserem Konto geht nach Misserfolgen nichts ein, und schon gar nicht werden wir von arabischen Herrschern verwöhnt. Wir haben zwar schon manche Latte gerissen, wenn wir nicht aufrecht unter ihr hindurchgegangen sind, doch ist uns bisher keine Erleuchtung widerfahren, nur die Peinlichkeit kennen wir gut. Deshalb wünschen wir Ahnungslosen ohne bedeutenden Mittelnamen diesem Buch einen ganz und gar plumpen Flop. Wir möchten nämlich bitte von solchen Weisheiten, denen das überlegene Lächeln eingeprägt ist wie ein Wasserzeichen, fürderhin verschont werden. Das wird wohl nichts helfen, denn im zweiten Teil des Buchs hat dieser heitere Potentat des literarischen Lebens lauter Schätzchen ausgebreitet, die sich bestens für weitere brillante Flops eignen, bei denen Dick Fosbury vor Neid erblassen würde.

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