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Hans Magnus Enzensberger: Herr Zetts Betrachtungen : Also sprach Z.

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Bild: Suhrkamp Verlag

Wider die Dummheit und die falsche Autorität: Hans Magnus Enzensbergers unzeitgemäße Betrachtungen sind intelligent, vielfältig und unterhaltsam. Sie gehören auf jeden Nachttisch.

          4 Min.

          Hans Magnus Enzensberger genießt in seinem postgoetheanischen Alter das Vorrecht des Spätstils, dessen Kraft Edward Said zufolge darin besteht, „Freude und Ernüchterung auszudrücken, ohne den Widerspruch aufzulösen“. Vom dem Zwang, originell oder gar revolutionär sein zu wollen, hat sich dieser heitere und noch immer irgendwie jugendlich wirkende Potentat der Literatur schon lange gelöst. Frei nach Goethe: Alles Gescheite ist schon gedacht worden (vor allem von Enzensberger), man muss es nur noch einmal hinschreiben.

          Derart fügen sich die gesammelten Maximen und Reflexionen seines Herrn Z. leichthin in eine Tradition der Lehre vom richtigen Leben von Epikur über Montaigne, Lichtenberg und Nietzsche zu Adornos „Minima Moralia“, während alle philosophischen Verwalter der großen Begriffe und der Substantivierungen dem Dadaismus zugeschlagen werden wie Hegel oder ins Wolkenkuckucksheim eingewiesen wie Heidegger. „Das Ganze gibt es nicht. Weder unsere Wissenschaft noch unsere Phantasie wäre imstande, es zu fassen.“

          Frischluftgedanken aus der Speaker's Corner

          Die Betrachtungen sind folglich nicht von der Art eines im Gehäuse oder in der Akademie sich den Kopf zermarternden Denkers, Frischluftgedanken vielmehr, wie sie seit dem achtzehnten Jahrhundert in englischen Landschaftsgärten gedacht werden, längst bevor im Hyde Park speaker’s corner eingerichtet wurde. Herr Z. ist nachmittäglich in einer ruhigen Ecke des Parks anzutreffen, wo er sich mit der Zeit ein Stammpublikum erworben hat. Er ist unzeitgemäß gekleidet, eine braune Melone legt er neben sich auf die Bank. Auf gutes Leben verzichtet er offensichtlich ungern, sonst wissen seine Zuhörer nicht viel über ihn.

          Unzweifelhaft ist nur seine Gelassenheit, ältere Zuhörer nehmen zudem „einen gewissen Unernst“ an ihm wahr. Dass er seine Brosamen hochmütig fallen lässt, auf dass die Armen im Geiste sich daran sättigen sollen, während er das Schmackhafte, „seine Hintergedanken für sich behält“, wollen die fiktiven Herausgeber mit dem alternativen Titel wohl nicht im Ernst sagen.

          Individuen können Herrn Z. zufolge immer dazulernen

          Ein wenig verärgert ist Herr Z. nur, als ihn ein Philosophiestudent einmal als Aphoristiker bezeichnet. Der Reiz der Fiktion einer Unterhaltung im Park besteht entsprechend darin, dass der Form des Aphorismus durch Widerspruch und Perspektivierung das unangenehm Apodiktische genommen wird, mit der ein seiner selbst gewisses Subjekt allgemeine Lehren aus seiner Erfahrung zu ziehen sich anmaßt. Herrn Z. scheint der Widerspruch nichts auszumachen, dass er sich über „die lächerliche Vorstellung“ lustig macht, „man wäre als Zeitgenosse intelligenter, tüchtiger“ oder einfach weiter als die Vorfahren, um sich dann je doch als gescheiter zu erweisen als die meisten von ihnen. Dabei kommt angeblich „schlecht weg, wer allzu geistreich erscheint“.

          Es gibt aber einfach zu viel Dummheit auf der Welt, obwohl evolutionstechnisch unklar ist, wozu sie gut sein soll. Sich ein wenig dumm zu stellen kann aber ganz nützlich sein. Individuen können Herrn Z. zufolge immerhin dazulernen. „Kollektive dagegen lernen äußerst ungern. Sie kapieren erst dann etwas, wenn der Druck derart zunimmt, daß ihnen kein anderer Ausweg mehr übrigbleibt.“ Was einem die Gesellschaft vorsetzt, sollte das Individuum also niemals ungeprüft schlucken. Doch auch berühmte Philosophen oder Dichter seien niemals dagegen gefeit, „plötzlich blödsinnige Reden zu führen“.

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