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Hans Magnus Enzensberger : Der unverkennbare Rühmkorf-Sound

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Hans Magnus Enzensberger Bild: picture-alliance/ dpa

Von allen Schmerzensmännern der Poesie war er der luftigste. Virtuos wie kein anderer hat Peter Rühmkorf die Schwermut zum Tanzen gebracht. Seitdem Robert Gernhardt das Zeitliche gesegnet hat, konnte kein Vers- und Reimkünstler ihm mehr das Wasser reichen.

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          Von allen Schmerzensmännern der Poesie war er der luftigste. Virtuos wie kein anderer hat er die Schwermut zum Tanzen gebracht. So konnte auch der Tod ihn nicht überraschen; denn schon mit seinen frühesten Versen hat er ihm über die Schulter geschaut. Andere Dichter mögen es darauf anlegen, ihre Leser mit ihrer Weheklage zu deprimieren. Das ist eine Kunst, von der Peter Rühmkorf wenig hielt. Er zog es vor, uns mit einer Heiterkeit zu unterhalten, die, wie das Leben selber, nie ganz geheuer war.

          Jedenfalls seitdem Robert Gernhardt das Zeitliche gesegnet hat, konnte kein Vers- und Reimkünstler ihm mehr das Wasser reichen. Allen politischen Anwandlungen zum Trotz hielt Rühmkorf sich an die Tradition. Nicht um Nachfolge ging es ihm dabei, sondern um hemmungslose Anverwandlung. Bei Gryphius und Harsdörffer hat er sich ebenso bedient wie bei den wildesten Expressionisten. (Nicht einmal vor Klopstock ist er zurückgeschreckt.)

          So bleibt er eben unser

          Besonders liebevoll hat er sich um Walter von der Vogelweide gekümmert, den außer ihm nur noch die Germanisten kennen. Das ist natürlich kein Zufall; denn ganz so, als hätten Gutenberg und Marconi nicht flächendeckend gesiegt, machte er sich, wie sein Vorbild aus dem dreizehnten Jahrhundert, als vazierender Dichter unermüdlich auf die Reise, um das zahlende Publikum live zu entzücken.

          Den unverkennbaren Rühmkorf-Sound wird kaum einer vergessen, der dabei war. Von Castrop-Rauxel bis Solothurn und von Jever bis Sankt Pölten gibt es wohl keinen Ort deutscher Zunge, an dem man seine Stimme nicht vernommen hätte. So innig hing er freilich an den Brüsten unserer Sprache, daß nur wenige Verwegene es wagten, seine Verse in die Idiome von Paris, New York und Beijing zu übersetzen. Wir, seine Hinterbliebenen, aber können ihm und uns zum Trost sagen: Um so schlimmer für alle, die kein Deutsch verstehen! So ist und bleibt er eben unser.

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