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Hans Joachim Schädlich: Sire, ich eile : Aufklärung ist schön, Regieren ist besser

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Ein seltsames Paar: In seiner neuen Novelle „Sire, ich eile“ betrachtet Hans Joachim Schädlich Friedrich II. und Voltaire. Der preußische Monarch und der französische Philosoph geben sich ein literarisch höchst ergiebiges Stelldichein.

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          In jüngster Zeit erlebt die Historie in der Literatur eine bemerkenswerte Renaissance. Natürlich haben sich Schriftsteller immer in der ein oder anderen Form der Geschichte bedient, sei es der ihres Landes, ihrer Familie oder ihrer ganz persönlichen. In den letzten Monaten aber fiel auf, dass nicht nur private Episoden und vergangene Epochen in literarischen Werken verarbeitet wurden, sondern dass sich wichtige Werke herausragenden Figuren der Geschichte widmeten, ohne dass es sich bei ihnen deshalb um Biographien handelte: Sibylle Lewitscharoff begab sich ins Studierzimmer von Hans Blumenberg, Karl-Heinz Ott untersuchte in „Wintzenried“ den Spezialfall Jean-Jacques Rousseau und Michael Kumpfmüller ging Kafka und Dora Diamant nach. Nun nimmt sich Hans Joachim Schädlich in „Sire, ich eile“ gleich zwei große Figuren des achtzehnten Jahrhunderts vor: Voltaire und Friedrich den Großen.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass dieses kleine erzählerische Bravourstück gerade jetzt, rechtzeitig zum bevorstehenden dreihundertsten Geburtstag des Preußenkönigs, fertig geworden ist, dürfte den Verlag zwar freuen. Mehr als für einen Geburtstag, davon darf man bei einem Schriftsteller vom Schlage Schädlichs wohl ausgehen, interessiert sich der Autor aber für das dramatische Potential seiner Figuren. Und da befindet man sich mit den Gegenspielern Voltaire und Friedrich augenblicklich in einer Welt, in der sich Schädlich, dieser Experte für janusköpfige Wesen, schon oft aufgehalten hat. Ihm ging es immer um die großen Fragen, um das Verhältnis von Macht und Moral, von Freiheit und Verrat, von Wahrheit und Lüge. Wie man weiß, eignet sich die wechselvolle Beziehung zwischen dem französischen Philosophen und dem preußischen Monarchen für eine derartig motivierte Betrachtung ausgezeichnet.

          Der zwielichtige Aspekt hat seine Berechtigung

          Um es gleich zu sagen: „Sire, ich eile“ ist kein Werk, mit dem der 1935 geborene Schädlich in eine neue Dimension seines Schaffens vordringt. Im Gegenteil bleibt er sich und seinem Stil angenehm treu. So haben wir es mit einem Text zu tun, dessen Bedeutung sich wieder einmal in einem höchst präzisen Umgang mit der Sprache, in dem bewusst gewählten Wort und, in diesem besonderen Fall, auch in den sinnstiftend gegeneinander gesetzten historischen Fakten eröffnet. So beginnt das Drama bei Schädlich schon mit dem allerersten Brief, den Friedrich im Alter von vierundzwanzig Jahren 1736 an den fast zwanzig Jahre älteren Voltaire sandte. In ihm gibt sich der Kronprinz untertänigst, umschmeichelt den Autor „so vieler Meisterwerke“ und würdigte selbst dessen Epos „Henriade“, diesen Lobgesang auf den als tolerant geltenden Heinrich IV., mit den Worten, das Buch werde zweifellos über „die wenig gerechte Kritik“ triumphieren.

          Doch am Ende schreibt er einen Satz, aus dem der Autor Schädlich ein einziges Wort herausgreifen wird, um seine Geschichte von vornherein in ein Zwielicht zu setzen, dessen Berechtigung sich schon bald zeigt. Friedrich schreibt: „Falls mein Schicksal es mir nicht vergönnt, Sie selbst zu besitzen, so kann ich doch zumindest hoffen, eines Tages den Mann zu sehen, den ich seit so langer Zeit von weitem bewundere, und Ihnen mit erregter Stimme zu versichern, dass ich mit aller Wertschätzung, die jenen Menschen zusteht, die der Flamme der Wahrheit folgen und ihr Tun dem allgemeinen Wohl widmen, Ihr zutiefst ergebener Freund bin.“

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