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Fallada-Briefe : Wir werden die Herren der ganzen Welt sein

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Ein Bild der nationalsozialistischen Propaganda: Männer vom Reichsarbeitsdienst errichten Abwehrstellungen auf einer Strand­promenade in Südfrankreich, 1943. Bild: AKG

Zwiespalt eines Schriftstellers: 1943 trat Hans Fallada eine Propagandareise für den Reichsarbeitsdienst an, die durch das deutsch besetzte Frankreich führte. Seine bislang unbekannten Briefe aus dieser Zeit liegen nun in einem Band vor.

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          Von und über Hans Fallada gibt es viel zu lesen. In Romanen wie „Kleiner Mann – was nun?“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ hat er wie kein anderer die wirtschaftlichen und politischen Krisen seiner Zeit aus der wehrlosen, aber menschlichen Perspektive des kleinen Mannes geschildert. Sein von Alkohol und Drogen früh zerrüttetes Leben gibt genügend Anlass zu biographischen Por­träts, Theaterinszenierungen und Dokumentationen. Und immer wieder Neu­auflagen seiner Bücher.

          Nun liegt ein von Carsten Gansel herausgegebener Band bislang unveröffentlichter Fallada-Briefe von zwei Reisen ins besetzte Frankreich vor. Im Mai 1943 hatte der Schriftsteller einen Auftrag vom Reichsarbeitsdienst (RAD) an­genommen, der für ein halbes Jahr verpflichtete, in Frankreich stationierte Hilfsbautruppen zu besuchen und ein Reisetagebuch über ihren Alltag „im Felde“ zu führen. Es ist nie publiziert worden, nur die Briefe, die Fallada aus Frankreich an seine Frau Anna (Suse) Ditzen schrieb, sind erhalten. Mit ihrer Veröffentlichung, so ist im Nachwort zu lesen, werde eine der letzten Lücken in Falladas Biographie geschlossen.

          Ein stetig steigender Alkoholkonsum

          „Wenn sie dich kriegen, Hans Fallada“, hatte ihn Tucholsky bereits 1931, nach dem Erscheinen von „Bauern, Bonzen und Bomben“ vor den Nazis gewarnt, „sieh dich vor, dass du nicht hangest!“ Und in kluger Voraussicht hinzugefügt: „Es kann aber auch sein, dass sie in ihrer Dummheit glauben, du habest mit dem Buch den Sozis eins auswischen wollen, und dann bekommst du einen Redakteursposten.“ Tucholsky sollte recht be­halten. Den Nationalsozialisten galt Fallada als „unsicherer Kantonist“, aus dem bei guter Führung aber völkisches Kapital zu schlagen wäre.

          Hans Fallada: „Die RAD-Briefe aus dem besetzten Frankreich 1943“.
          Hans Fallada: „Die RAD-Briefe aus dem besetzten Frankreich 1943“. : Bild: Verlag Das kulturelle Gedächtnis

          Und er machte halbwegs mit. Um seine Figuren nicht mit der zynischen Brutalität des „Dritten Reichs“ konfrontieren zu müssen, ließ er sie in den nach 1933 er­schienenen Büchern einfach weiter durch das politische Chaos der Weimarer Repu­blik stapfen. Mal fügte er linientreue Vorworte hinzu, mal ein nationalsozialistisches Romanende wie in „Der eiserne Gustav“, was sich in späteren Ausgaben leicht wieder entfernen ließ. Man hat ihm das später ebenso verziehen wie seinen jahrelangen Deckungsgang in die Welt der Trivialromane und drolligen Tier­geschichten.

          Angesichts der nun erschienenen „RAD-Briefe“ stellt sich die Frage nach Falladas Opportunismus noch einmal neu. Einen von Goebbels in Auftrag gegebenen antisemitischen Roman – das Manuskript ist verschollen – hat er 1943 bereits in der Schublade. Nun macht ihn die NSDAP zum „Sonderführer“ im Rang eines Majors, um ihn unter die deutschen Besatzer zu schicken. Die Reiseroute darf Fallada selbst zusammenstellen, genaue Ortsangaben brieflich mitzuteilen ist ihm verboten. Von Paris fährt er über das Städtchen L’Isle-Adam und Clermont-Ferrand an die Cote d’Azur: Marseille, Perpignan und Tarascon, die Heimatstadt von Alphonse Daudets frechem Aufschneider und Hochstapler Tar­tarin, einer seiner literarischen Lieblingsfiguren. Im Eiltempo besucht Fallada RAD-Lager, Baustellen und Lazarette („360 Betten in einer Viertelstunde – aber ich hatte nicht länger Zeit!“), hält Vorträge über seine Eindrücke („eine wunderhübsche Mischung von Grotesken und gut Beobachtetem“) und lernt Scharfschießen. Von den „ungeheuren Leistungen des RAD“ habe er gar nichts gewusst, schreibt er und ist von all der „Freundlichkeit und Kameradschaftlichkeit“ ganz überwältigt. In Nîmes sieht er sich einen Stierkampf an. An der Schönheit der „herrlichen“ Landschaft kann er sich nicht sattsehen. Über die Qualität der Mahlzeiten und seinen stetig steigenden Alkoholkonsum erstattet er seiner Frau detailliert Bericht.

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