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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein : Der Mensch ist dem Menschen ein Verdacht

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Abstufungen der Verkommenheit: Hans Falladas großes Werk „Jeder stirbt für sich allein“ liegt erstmals ungekürzt vor. 1947 hatte man in der DDR aus politischen Gründen verändernd eingegriffen.

          Dieser Roman ist, anders als es der Autor über seinen Stoff sagte, nicht völlig trostlos. Er handelt allerdings vor allem von Bösartigkeit und ihrer Auswirkung auf das normale Leben. Seine letzten einhundertfünfzig Seiten sind eine einzige Qual, weil auf ihnen erzählt wird, wie die Nationalsozialisten in Polizeiverhören, Gefängnissen und vor Gericht mit dem umsprangen, was sie „Wehrkraftzersetzer“ und Hochverräter nannten. Es gibt vermutlich wenig literarische Schilderungen, die das „Dritte Reich“ in seinen durchschnittlichen Protagonisten verachtungswürdiger darstellten.

          Die fünfhundert Seiten davor schildern an einem teils proletarischen, teils bürgerlichen Personenkreis eine Gesellschaft moralischer Auszehrung, in der Argwohn jedwede soziale Beziehung bestimmt. Es ist eine Gesellschaft von Figuren, die weder privat noch im Berufsleben wissen, was sie voneinander zu halten haben, und ständig kalkulieren, was wohl geschieht, wenn sie so oder anders handeln. Das Misstrauen ist in jeden Kontakt, auch den in Familien und zwischen Eheleuten, die sich gewogen sind, eingedrungen. Der Mensch ist dem Menschen ein Verdacht. Und wenn einmal doch Gewissheit herrscht, dann ist es die, dass die Niedertracht und der Hass das letzte Wort behalten.

          Durch Morphium, Alkohol und Arbeit ruiniert

          Nicht im Roman, sondern in der Wirklichkeit beschließt das Berliner Arbeiterehepaar Otto und Elise Hampel im Jahr 1940, als die Deutschen gerade in Paris einmarschiert sind - der Bruder Elises ist während des Feldzugs gefallen -, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufzurufen. Dazu verteilen sie handgeschriebene Postkarten und Zettel in der Stadt. Es sind hilflose Botschaften, ergreifend in ihrer Diktion: „Nieder mit dem Zwangs Elend Dicktat in unser Deutschland! Eine Hitler Regierung dürfen wir nicht Entlasten!!“ lautete beispielsweise die fünfzigste aufgefundene Botschaft am 30. März 1941. Im Roman deutet der Autor an, was sie seine Helden an Mühe kosteten, indem sie für zwei solcher Postkarten einen ganzen Sonntag brauchen. 1942 werden die Hampels, bei Fallada Quangels, angezeigt und verhaftet, 1943 hingerichtet.

          Als Hans Fallada 1945 den späteren Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, kennenlernt, macht dieser ihn mit den Prozessakten des Falles bekannt. Der „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ sucht Autoren, die über den deutschen Widerstand schreiben. Fallada zögert, er selbst war nicht im Widerstand und will jetzt, wie es im lehrreichen Nachwort von Almut Giesecke zu „Jeder stirbt für sich allein“ heißt, nicht besser erscheinen, als er gewesen ist. Dann aber nimmt ihn „die völlige Trostlosigkeit des Stoffes“, dem jede Aussicht auf die Zukunft fehle, doch gefangen: Soeben erst aus einer Entziehungskur und einem Nervenzusammenbruch wieder auftauchend, schreibt er gut achthundertfünfzig Manuskriptseiten in kaum vier Wochen, nach dem vorliegenden Druck sind das mehr als zwanzig Buchseiten pro Tag. Man fasst diese Leistung gar nicht, zumal der Roman gut erzählt ist. Keine drei Monate später stirbt Fallada, durch Morphium, Alkohol und Arbeit physisch ruiniert, an Herzversagen.

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