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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein : Der Mensch ist dem Menschen ein Verdacht

Jetzt liegt erstmals eine ungekürzte Ausgabe dieses Romans vor. Als er 1947 zuerst herauskam, hatte der Lektor aus politischen Gründen eingegriffen. Dass die Widerständlerin einst Hitler bewundert hatte, schien so wenig opportun, dass paradoxerweise sogar ein ganzes Kapitel entfiel, in dem sie sich aus ihrem Engagement in der NS-Frauenschaft auf listige Weise löst. Die Bezeichnung einer Widerstandsgruppe, die nicht gerade freundlich geschildert wird, als „kommunistisch“ wurde gelöscht. Und auch von einem pensionierten Richter, der alles tut, um in dem Haus, in dem er wohnt und in dem das Zentrum des Romans liegt, die Unmenschlichkeit einzudämmen, auch von ihm wollte man 1947 nicht lesen, dass er während seiner Dienstzeit durchaus rücksichtslos Strafen verhängt hatte.

Fallada aber kennt auf der Seite der Tapferen wie der Lauen und der Versager nur solche Mischgestalten, womit er das Klischee in Sichtweite auf Abstand hält. Die Nebenfiguren aus dem Milieu der Kleinkriminellen sind besonders gut gezeichnet: der arbeitsscheue Weiberheld, dessen Faulheit in Dummheit umschlägt, die ihm tödlich wird, oder der völlig rückgratlose Spitzel, der sich in seinen miesen Geschäften verstrickt. Fallada hatte eine immense Begabung, Abstufungen der Verkommenheit und des Versinkens im eigenen Leben plausibel zu machen.

Detektivische Kälte

Fast möchte man sagen: Hier litt ein Autor unter dem Charakter seines Personals. Das betrifft auch die ratlose Tat des Widerstands, der unvorsichtig wird und nicht ans Naheliegendste denkt, weshalb die Sache zuletzt auffliegt. Die Tugend entspringt weder dem Wissen noch einfach einem guten Herzen, sondern einem Willen zu ihr. Auf diese Weise aber, auch die Helden als Figuren zu beschreiben, die nicht viel zu sagen haben, mit ihrem Leben im Unreinen sind und sich an etwas Vergebliches klammern, hält Fallada sich vom Kitsch fern, ohne von seiner Absicht zu lassen, ihnen ein kunstloses Denkmal zu setzen.

Eindeutig ist bloß das Böse, die Gier der Leute danach, bösartig zu sein, zu brüllen, zu erniedrigen und ihren Nachbarn zu schaden. Den einen gibt die Diktatur Gelegenheit dazu, und Fallada porträtiert den widerwärtigen Nachwuchsnazi genau so scharf wie den Volksrichter Freisler, der bei ihm Feisler heißt. Den anderen nimmt die Tyrannis die Kraft zu etwas Gutem. Aber noch in die Kriminalgeschichte, die das Buch in vielen Kapiteln ist, baut der Autor eine Figur ein, die des Gestapo-Kommissars Escherich, die mit detektivischer Kälte bis zur Überschlauheit sich auf die Spur der Postkartenschreiber setzt, um am Ende als überhaupt einzige Person eine moralische Reaktion auf die Tat zu zeigen.

Eine Art sozialer Sadismus

Allerdings besteht auch die in derselben Verzweiflung, die den Postkartenschreiber Quangel anfällt, wenn er im Polizeirevier zum ersten Mal die Berliner Stadtkarte sieht, in der rote Fähnchen die Fundorte seiner fast dreihundert Karten markieren. Da weiß er sofort, wie vergeblich seine Tat war: Die Mitbürger haben alles getreulich furchtsam bei den Behörden abgeliefert. Inwiefern also ist das denn nicht alles doch völlig trostlos? Die Frage, die Fallada aufwirft, ist die nach dem Sinn vergeblicher Taten. Die Antwort, die er diesseits des etwas bemüht wirkenden Schlusskapitels mit Ausblick auf die hoffnungsvolle Jugend gibt, sie lautet: Selbstbefreiung.

Denn die, fast möchte man sagen: private Absicht der Diktatur und ihrer geifernden Helfer ist es hier, Charaktere zu zerstören, eine Art sozialer Sadismus, dem selbst die Hinrichtung der Gegner noch nicht genügt. Der Widerstand ist für das Arbeiterpaar Quangel weniger ein politischer Akt als die Entscheidung, das um keinen Preis mit sich machen zu lassen: weil das Selbst, das es mit sich machen ließe, keines mehr wäre, das man ertrüge. Insofern klammern sie sich an ihre hilflose Tat. Hans Fallada hat also nicht weniger als einen Roman über das Gewissen geschrieben.

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