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Hanns Zischlers Romandebüt : Erinnerung geht nie der Reihe nach

Der Romanautor und Schauspieler Hanns Zischler. Bild: Bridgeman Images

Es war einmal in „Neu York“: Eine weitgereiste alte Dame erzählt einer jungen Frau von ihrer großen Liebe – der erste Roman des bekannten Schauspielers Hanns Zischler.

          5 Min.

          Ein paar Tage im Sommer 1966, im Fränkischen, auf dem Dorf, fern von Vietnam, der Krieg ist nur eine flüchtige Nachricht im Radio. Eine alte Dame und eine junge Frau, Gespräche, die tief in die Vergangenheit führen, in die bewegte, abenteuerliche, farbige Vergangenheit der alten Dame, an die Schwelle zum 20. Jahrhundert. Das ist die Grundsituation in Hanns Zischlers erstem Roman "Der zerrissene Brief". Der Autor gibt sich zu erkennen, er ist Adressat eines undatierten Briefes, den ihm die junge Frau geschrieben hat. "Zweifelst du daran?", fragt Elsa, und sie meint die Geschichte, die die 84-jährige Pauline ihr erzählt hat.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Elsa, die Biologiestudentin, kennt Pauline, seit sie als Kind in den fünfziger Jahren bei ihr die Ferien verbrachte. Sie ist zu der alten Dame, die sie über die Jahre "per Brief adoptiert" hat, gefahren, weil sie mit ihren gerade mal einundzwanzig Jahren ihren ersten großen Liebeskummer hat - und das ist, auf paradoxe Weise, ein Glücksfall, weil es die Erinnerungen der alten Dame an ihre große Liebe beflügelt, an ihren Mann Max, "mein Plusquamperfekt". Und so wie die beiden Liebesgeschichten miteinander lose korrelieren, so verbindet sich für Pauline auch die große, weite Welt ihrer vielen Reisen mit der überschaubaren Provinz, nachdem Max sie "vor fast siebzig Jahren ihre vertraute Welt als eine exotische hatte erleben lassen".

          Von Treuchtlingen hinaus in die Welt

          "Der zerrissene Brief" spielt dort, wo Hanns Zischler aufgewachsen ist, in Mittelfranken, in der Umgebung von Treuchtlingen. Und zugleich greift das Buch aus in die von Pauline bereiste Welt, nach Amerika, Russland, Schweden. Literarisch ist der Roman durch die großen Traditionen des 20. Jahrhunderts gegangen. Ein Proust-Motto ist so wenig Zufall wie die Erwähnung von E. M. Forster, Emily Dickinson oder weit unbekannteren Autoren wie Wilhelm Lehmann oder älteren wie Ewald von Kleist. Zischlers Prosa hat etwas sehr Leichtes, so eine Art beiläufige Eleganz. Sie ist nicht altmodisch, sie ist in Wortwahl und Wendungen einfach nur genau, weil sie ja von einer alten Dame erzählt, die 1882 geboren ist.

          Es ist auch nicht die erste Prosarbeit des Autors Zischler, den mehr Leser erkennen dürften, wenn sie ihn vor sich sehen, weil man ihn seit mehr als vierzig Jahren hauptsächlich als Schauspieler vor Augen hat, der einem bei Spielberg, Thome, Wenders, im "Polizeiruf" oder in "Babylon Berlin" begegnet ist. Der auch ein schönes Buch über die Hauptstadt, "Berlin ist zu groß für Berlin", geschrieben hat und ein noch schöneres über "Kafka geht ins Kino". Und einen Band, zusammen mit Hanna Zeckau, der "Der Schmetterlingskoffer. Die tropischen Expeditionen von Arnold Schultze" heißt. Schultze taucht auch in dem neuen Roman am Rande auf.

          Eine Reise in die Vergangenheit, für die es keine Fahrpläne gibt

          Wer vor sechs Jahren Zischlers längere Erzählung "Das Mädchen mit den Orangenpapieren" gelesen hat, wird seinen Stil wiedererkennen, der auch hier perfekt zu dem Sujet passt. "Der zerrissene Brief" ist ein Buch der Erinnerungen, ein Buch über die verschlungenen Wege, welche die Erinnerung nimmt - was eine Formulierung ist, für die einen Nietzscheaner verspotten dürfen, weil ein Subjekt und ein Tun im Satzbau stecken, die nur Phantome sind. Was beim Erzählen entsteht, ist ein assoziatives Geflecht, wie das Mäandern eines Flusses, der nicht immer wieder für den reibungslosen Schiffsverkehr begradigt wird.

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