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Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens : Jenseits der Sprache

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Bild: Verlag

Hanns-Josef Ortheil greift in seinem neuen Roman auf seine eigene, außerordentliche Biographie zurück. Denn der Schriftsteller war die ersten sieben Jahre seines Lebens stumm.

          Für diesen Roman musste Hanns-Josef Ortheil kaum etwas erfinden, er brauchte nur seine Lebensgeschichte nachzuerzählen. Und die ist in der Tat so außerordentlich und wunderbar, dass sie sofort sowohl das Interesse als auch das Mitgefühl des Lesers weckt. Weil seine Mutter nach einem schweren Schicksalsschlag ihre Sprache verloren hat, bleibt Johannes, Ortheils Alter Ego, bis zu seinem siebenten Lebensjahr stumm und dadurch ausgeschlossen von der Welt der „Normalen“. Auf dem Spielplatz schaut er nur zu. Weil er keinen Freund

          hat, denkt er sich einen aus. Das kleine Kind sorgt sich wie der Vater ständig um die Mutter, ist mit ihr geradezu symbiotisch verbunden, es beschützt sie und begleitet sie überallhin. Stets gegenwärtig ist jedoch das Unglück, das es ahnt, aber nicht kennt. Nur der Vater und schließlich die Musik vermögen es, die bedrückende Atmosphäre zu durchbrechen. Die Musik bringt schließlich auch die Erlösung: Der Sohn lernt sprechen, und die Mutter findet endlich nach und nach die Sprache wieder.

          So weit stimmt die Romanhandlung mit der Biographie überein, und sie folgt auch weiter der authentischen Lebensgeschichte: Hanns-Josef Ortheil, der bereits mit vier Jahren Klavierunterricht erhielt, wurde in der Schule als Stummer verspottet. Trotz der Sprachschwierigkeiten bestand er das Abitur und anschließend die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium in Rom. Erste Erfolge als Pianist ließen ihn auf eine Karriere als Solist hoffen, bis eine schwere Sehnenscheidenentzündung seinen Traum zerstörte und er gezwungen war, ein vielseitiges Studium der Geisteswissenschaften aufzunehmen.

          Scheitern an der Verständnislosigkeit

          „Die Erfindung des Lebens“ ist der Roman eines Musikers, doch auch der Roman eines zwar begabten, aber behinderten Kindes. Es ist zudem der Roman einer unbeirrbaren väterlichen Liebe und Hoffnung. Streckenweise wird der Vater mit seiner Kraft und seinem Einfühlungsvermögen zur Hauptperson. Er zweifelt nie daran, dass sich zum Guten wenden lässt, was Frau und Kind nahezu lebensunfähig macht. Und er findet schließlich nicht zuletzt mit Hilfe der Musik Wege und Methoden, mit denen er beiden Schritt für Schritt helfen kann.

          Nach dem Scheitern an der Verständnislosigkeit von Lehrern wie an der Grausamkeit von Mitschülern spielt dabei die Rückkehr von Köln in die Ursprungsheimat im Westerwald eine wesentliche Rolle. Die Großfamilie - Bauern und Gastwirte - ist Mutter und Sohn so vertraut, dass sie sich selbstverständlich in den arbeitsreichen Alltag einfügen können. Da die Mutter sich dort geborgen und gebraucht fühlt, muss das Kind sie nicht mehr schützen, es kann sich also von ihrer hilflosen Umklammerung lösen. Der Vater aber beginnt mit dem Kind ein geduldiges Training in der Natur: Er lehrt es Bilder und Eindrücke mit größter Genauigkeit wahrzunehmen, wenn möglich zu zeichnen und endlich mit Worten zu benennen. Stück für Stück oder Wort für Wort erschließt der Vater, von Beruf Vermessungsingenieur, seinem Sohn die ländliche Umgebung.

          Aus einzelnen Teilen eine Welt schaffen, das bleibt auch die Arbeitsmethode von Johannes, der inzwischen Mitte fünfzig und Schriftsteller geworden ist. In Rom, der geliebten Stadt, wo er seine schönsten Jugendjahre, aber auch den Zusammenbruch seiner Zukunftspläne erlebt hat, möchte er die ersten zwei Jahrzehnte seines Lebens überdenken und seine Erinnerung festhalten. In die Wohnung nicht weit von der Cestiuspyramide hat er sich zurückgezogen, weil er daheim mit seiner Arbeit nicht vorankam. Rom hat Ortheil zum Schauplatz der Rahmenhandlung gewählt. Es ist eine Stadterkundung und ein reizvolles Wiedersehen mit den Stationen, die dort in seiner Jugend eine Rolle gespielt haben: erste Liebe, erste Erfolge, Freundschaften und Enttäuschungen. Mit der Distanz von mehr als drei Jahrzehnten stellt sich eine Gelassenheit ein, die Schmerzen nicht mehr zulässt. Dafür werden, wie erhofft, die Bilder der Kindheit umso deutlicher.

          Fast wie im Märchen

          Anfangs lebt Johannes in Rom nahezu kontaktscheu, ganz auf seine Arbeit konzentriert. Doch über das Klavierspiel der kleinen Tochter seiner Hausnachbarin lässt er sich wieder hineinziehen in die Musik, die einst seine Welt war. Hineinziehen vielleicht aber auch in eine verhaltene neue Liebesbeziehung. Trotzdem bleibt die römische Rahmenhandlung, verglichen mit den intensiven Kindheitsbildern in Köln und im Westerwald, blass. Die musiktheoretischen Einschübe mögen dazu beitragen. Andererseits ist es aufschlussreich, wie Ortheil, der ehemalige Pianist, einen lebendigen Klavierunterricht ( unter anderem durch Improvisation, Jazz und Pop) beschreibt. Im Roman profitiert die kleine Nachbarstochter (vielleicht ein Wunderkind?) davon. Ihr erster Auftritt unter freiem Himmel auf einem der schönen römischen Plätze ist ein großer Erfolg. Fast wie im Märchen setzt Johannes, ihr Lehrer, das Programm mit seinem eigenen, vergessen geglaubten Repertoire fort: Bachs Italienischem Konzert und Schumanns C-Dur-Fantasie.

          Ortheil hat im Gegensatz zu den meisten seiner Schriftstellerkollegen keine Scheu vor Happy End und großer Liebe. „Erfindung des Lebens“ ist ein tröstlicher Roman geworden.

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