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Roman „Ein mögliches Leben“ : Er wünscht sich einen Amerikatraum

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Franz hätte auf einem Francesco treffen können: In Amerika kamen im und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche und italienische Gefangene zu Ernteeinsatz. Bild: AP

Dieser Roman ist zweifach out of date: Hannes Köhler erzählt von den ungewöhnlichen Erfahrungen eines deutschen Kriegsgefangenen in den Vereinigten Staaten.

          Nein, so richtig zum Zuge gekommen ist dieses Buch unter den Neuerscheinungen des vergangenen Jahres nicht. Das hat vermutlich zwei Gründe: Zum einen ist das Erzählen nach dem Generationenschema mittlerweile ziemlich ausgereizt. Der Enkel, der Opa und die Oma, der Krieg und das Familiengeheimnis – was vor zehn, fünfzehn Jahren noch preiswürdig war, wirkt heute, aus literarischer Sicht, nur noch schal. Zum anderen war 2018 wahrlich kein gutes Jahr für Bücher, in denen die Vereinigten Staaten als emotional besetzter Freiheits- und Möglichkeitsraum erscheinen: Hat sich nicht gerade dieses Bild zuletzt als politisch naives Phantasma erwiesen? So gesehen, ist dieser Roman gleich zweifach out of date.

          Der Berliner Autor Hannes Köhler erzählt von den Erfahrungen eines deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die zwischen unterschiedlichen Zeitschichten wechselnde Perspektive ist vornehmlich die eines sich erinnernden Greises, der mit seinem Enkel den Stätten seiner früheren Gefangenschaft, von denen nur ein paar Grundmauern übrig geblieben sind, einen letzten Besuch abstattet. Der Erinnerungsstrom, den die Reise auslöst, ist voller Ambivalenz, denn Franz Schneider, so der Name des Alten, verbindet mit den Lagern in Texas und Utah keineswegs nur Leiderfahrungen, sondern zugleich das Gefühl der Befreiung.

          Die Metropole als Sehnsuchtsort

          Im Gegensatz zum nationalsozialistischen Deutschland, mit seinem beklemmenden Heimatkult und seiner aggressiven Volkstümelei, bedeutet Amerika Licht, Offenheit, Perspektive – dies wird dem aus der Normandie verschifften jungen Franz schon bei der Ankunft im New Yorker Hafen klar. Später, in der dumpfen Monotonie des Lagerlebens, wird ihm die Metropole zu einem haltgebenden Sehnsuchtsort: „Er lächelt, fühlt sich in den Schlaf sinken, in einen New-York-Schlaf sinken, wünscht sich einen Amerikatraum, einen echten, langen Amerikatraum.“ Zu dieser Wahrnehmung der Vereinigten Staaten trägt wesentlich bei, dass die eigentliche Bedrängnis im Lager weniger von den regeltreuen amerikanischen Aufsehern als von den deutschen Mithäftlingen ausgeht: Die Konfliktlinie verläuft zwischen ideologieverstrahlten „Hundertprozentigen“, die stur den Endsieg beschwören, und früh gealterten, desillusionierten Kämpfern. In einem Punkt treffen sich die gegnerischen Gruppen aber, nämlich in ihrer Bereitschaft zur Gewalt, zum Mord sogar. Der Nationalsozialismus hat aus ihnen zur Empathie unfähige Verbrecher gemacht.

          Franz, der in den letzten Kriegsmonaten eilig zum Soldaten ausgebildet und zur „Gegenoffensive“ eingezogen worden war, gelingt es zumindest zeitweise, sich aus den grausamen Auseinandersetzungen zwischen den Lagerinsassen herauszuziehen. Entscheidend dafür ist seine Bekanntschaft mit dem Deutschamerikaner Paul, der sich Ende der dreißiger Jahre freiwillig zum Dienst in Hitlers Armee gemeldet hatte. Durch die Bekanntschaft mit ihm, der als bilingualer Vermittler zwischen deutschen Inhaftierten und amerikanischen Militärs fungiert, erschließt sich Franz nicht nur die Sprache und die Kultur der Amerikaner.

          Vielfach noch unverbrauchte Sujets

          Nachdem Paul von einem Häftlingsmob als Verräter gelyncht worden ist, tritt Franz selbst eine Stellung in der Lageradministration an und beginnt eine intime Briefbeziehung mit Pauls Schwester. Das titelgebende „mögliche“, also amerikanische „Leben“ scheint für ihn bald zumindest gedanklich nahe – und doch kommt es am Ende unweigerlich zur Rückführung ins wahre Gefängnis, in „unser enges, dunkles Deutschland“.

          In der Darstellung des einerseits spannungsreichen, andererseits unendlich öden Lageralltags und der seelischen Verfasstheit der Inhaftierten liegt die Stärke dieses auf Archivrecherchen beruhenden Romans, der zudem viele verblüffende historische Details enthält. Erzählt wird etwa, wie sich die deutschen Häftlinge, denen über Jahre hinweg die ideologische Grundunterscheidung von „Herrenrasse“ und „Untermensch“ eingeimpft wurde, mit den afroamerikanischen Feldarbeitern beim gemeinsamen Ernteeinsatz verbrüdern. Oder es wird von den grotesken Veranstaltungen des „Amerikadeutschen Bundes“ berichtet, an denen Paul vor dem Krieg teilgenommen hatte: „Die haben ein paar tausend Menschen versammelt im Madison Square Garden ... Hakenkreuz, Blasmusik und Führerbild neben Gemälden von George Washington.“ Als historischer Roman überzeugt „Ein mögliches Leben“ vor allem in seinen vielfach noch unverbrauchten Sujets.

          Unklar bleibt hingegen, warum Köhler seinen Stoff in eine erzählerisch völlig abgenutzte Generationentrias eingebettet hat: Der verbitterte Großvater, der mit seinen Kindern nie über das Erfahrene und Verlorene hat sprechen können; die unterkühlte Tochter, deren komplexbeladene Beziehung zum Vater sich einerseits im Protest gegen den Vietnam-Krieg, andererseits in ihrer Liebe zur amerikanischen Literatur spiegelt; schließlich der unangenehm gefühlige Enkelsohn, dem gegenüber sich Franz im Alter erstmals zu öffnen vermag. Der Versuch, komplexe mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge als Familienroman zu intimisieren und emotionalisieren, scheitert an der Klischeelastigkeit seiner Konstruktion. Die nur allzu bekannte Nachkriegsgeschichte von deutscher Verlogenheit, Entfremdung und Sentimentalität – sie ist literarisch zum Genre herabgesunken.

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