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Hanna Lemke: Gesichertes : Verbrannte Schmetterlinge

  • -Aktualisiert am

Bild: Kunstmann

Gegenstück zu Judith Hermann: In ihrem Debüt „Gesichertes“ erzählt die 1981 in Wuppertal geborene Autorin Hanna Lemke Geschichten aus der Großstadt.

          „Wie es scheint, fängst du dein Leben alle paar Jahre neu und von vorn an. Mitten in der Katastrophe, wie aus der Welt gefallen“, heißt es in Peter Kurzecks Roman „Übers Eis“ – und mit diesem Satz sind wir schon mitten im Lebensgefühl von Hanna Lemkes Figuren. „Übers Eis“ – schon der Titel lässt sich als Programm lesen – ist eines ihrer erklärten Lieblingsbücher, weil es ganz undramatisch von einem existentiellen Unsicherheitsgefühl erzählt.

          In Hanna Lemkes Erzähldebüt „Gesichertes“ geht es um genau dieses Gefühl, das sich wie bei Peter Kurzeck hinter Banalitäten und kleinen Spleens versteckt und dessen herzzerreißende Dramatik immer dann aufbricht, wenn alles ruhig und vorhersehbar scheint: beim Aufräumen und Bettenmachen, auf einer harmlosen Party oder beim Besuch einer alten Schulfreundin. Hanna Lemkes jugendliche Figuren sind zwar nicht durch einen Schicksalsschlag aus ihrem Leben herauskatapultiert worden wie Peter Kurzecks Erzähler, aber die Anfangsgeschichte des Bandes („Eingeladen“) liest sich wie eine schwesterliche Hommage an ihn: Alles bleibt offen in dieser Geschichte, man erfährt weder, wer oder was dieser ältere Mann namens Holm ist, noch, was für einen Sinn sein „Laden“ hat, der wie ein Wohnzimmer aussieht. Er engagiert die Erzählerin als Aushilfe, aber es gibt nichts zu tun, sie soll ihn nur erwarten, wenn er völlig erschöpft von seinen Ausflügen zurückkommt. Dass er seine Familie besucht, stellt sich eher zufällig heraus, und genauso unvermittelt beginnt er, über seine Ängste zu sprechen. Als die junge Frau sich in ihn verliebt, entlässt er sie.


          Verführerisch-lakonischer Ton


          In einem ganz bestimmten, verführerisch lakonischen Ton sind diese kurzen, rätselhaften Geschichten erzählt, und die junge Autorin – „Gesichertes“ ist ihr erstes Buch – bringt das Kunststück fertig, fast ohne Psychologie und atmosphärischen Zierat auszukommen. Trotzdem sind ihre Geschichten ungeheuer lebensprall und bildhaft. Hanna Lemke ist nicht nur eine Meisterin der Eröffnungssätze, sondern auch eine Spezialistin für raffinierte Reduktionen: Je knapper die Sätze, je größer die Aussparungen, desto vibrierender, anschaulicher und dichter wirken die Szenen, die sie schildert. Sie ist darin das genaue Gegenstück zu Judith Hermann, und ihre exemplarische, selbstironische Art zu erzählen markiert eine neue Autorengeneration. Ihre Figuren leben nicht mehr die Träume einer von sich überzeugten Großstadtboheme, sondern wissen, dass sie zum akademischen Prekariat gehören. Trotzdem schweben sie ohne große Angst in diesem existentiellen Vakuum, wandern nachts von Bar zu Bar, und bedrohlich finden sie nur den Verlust der Freiheit in Gestalt von Langzeitjobs, Ehen oder auch nur einer festen Identität. Sie wirken wie verpuppte, von ihren Sehnsüchten eingeschnürte Schmetterlinge, und die 1981 geborene Hanna Lemke, die von 2002 bis 2004 am Leipziger Literaturinstitut ausgebildet wurde, schreibt über ihre Generation ähnlich traumwandlerisch sicher und präzise wie Judith Hermann zwölf Jahre zuvor über ihre. Die Suchbewegungen ihrer Figuren sind genauso leidenschaftlich, wirken genauso ziellos, und wenn sie sich hinter einer Coolness tarnen, die um ihre Verletzlichkeit nicht nur weiß, sondern diese fast masochistisch ausstellt, bekommt man als Leser Angst um sie. Was auch an ihrer bestürzenden Genügsamkeit in Gefühlsdingen liegt: Liebe kommt in diesen Geschichten nur in homöopathischen Dosen vor, als kaum wahrnehmbare Gesten, und sogar der Liebesakt selbst bleibt furchtsam zart und wirkt fast indirekt.

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