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Prosa-Bildband von Han Kang : Die Toten kleiden sich in den aufziehenden Rauch

  • -Aktualisiert am

Versteht es, Intimität, Verletzlichkeit und Universalität miteinander zu verbinden: die Schriftstellerin Han Kang Bild: Cyrill Matter

Bitte stirb nicht: Der Prosa-Bildband „Weiß“ der südkoreanischen Autorin Han Kang ist eine poetische Meditation über den Verlust einer Schwester.

          4 Min.

          Übel zugerichtete Körper und seelischer Schmerz sind die Themen der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Im Roman „Menschenwerk“ (deutsch 2017) verleiht sie den Opfern des Massakers von Gwangju eine Stimme – 1980 wurden in dieser Stadt im Südwesten Koreas Studenten, die für Bürgerrechte demonstrierten, vom Militär ermordet, mit ihnen Teile der Bevölkerung, die sich solidarisierten.

          Vor allem aber schaut Han Kang auf versehrte weibliche Körper. So in ihrem bekanntesten, 2016 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichneten Roman „Die Vegetarierin“, in dem eine Frau sich der strukturellen Gewalt einer patriarchal dominierten Gesellschaft zu entziehen versucht. Auch in „Deine kalten Hände“, im Original bereits 2002, in deutscher Übersetzung erst 2019 erschienen, erzählt Han Kang davon, wie soziale Normierungen physische und psychische Deformationen verschulden. Und nicht zuletzt davon, wie künstlerische Auseinandersetzung ebendamit erfolgen kann.

          Eine konzentrierte Stille

          „Weiß“ lautet der schlichte Titel von Han Kangs jüngst übersetztem Buch, das sich einer eindeutigen Gattungsbezeichnung entzieht – kurze Prosastücke, versetzt mit wenigen Fotos und Screenshots einer Performance. Eine Hand mit Salz ist darauf zu sehen oder eine Ansammlung weißer Federn. Der Schmerz und die Versehrtheit, die hier zur Sprache kommen, sind weniger sozial, sondern wohl autobiographisch grundiert – und vielleicht meint man gerade deshalb, diesen schmalen Band als eine Art Nukleus von Han Kangs Werk zu lesen, als dessen Kraftzentrum. „Weiß“ ist eine Meditation über Trauer, eine poetische Installation über Verlust.

          Han Kang: „Weiß“.
          Han Kang: „Weiß“. : Bild: Aufbau Verlag

          Am Anfang steht der beinahe lapidar formulierte Entschluss, über weiße Gegenstände zu schreiben, es folgt eine Liste: „Wickeltuch, Babyhemdchen, Salz, Schnee“, die, endend mit dem „Totenhemd“, einen Lebenszyklus zu umreißen scheint, ohne dass die namenlose Erzählerin bereits benennen kann, welche Bedeutung das Betrachten dieser Wörter haben könnte. „Sie würden in mir gedreht und gewendet werden und schließlich in Form von Sätzen herausvibrieren wie fremde, klagende oder schrille Töne, die der Geigenbogen einer Metallsaite entlockt.“

          Zurückgenommen und zart

          In einer Hinsicht irrt die Erzählstimme: Schrill ist nichts an diesem Buch, vielmehr liegt über den großzügig gesetzten Seiten eine konzentrierte Stille, die längst nicht nur von den schneebedeckten Landschaften ausgeht, die Han Kang schildert. Auch die selbstgestellte Frage, ob es ihr gutes Recht sei, sich zwischen den Sätzen zu verstecken, erweist sich mit jedem neuen Prosastück mehr als gegenstandslos.

          Das Konzept des Bandes mag experimentell anmuten und Weiß als Farbe der Avantgarde gelten – wie Friederike Mayröcker sie in ihrem jüngsten Proem „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ verschiedentlich aufruft. Weiß sind aber auch die Gipsabdrücke, die der Künstler in Han Kangs Roman „Deine kalten Hände“ von Frauenkörpern anfertigt, und die leere Formen bleiben. „Weiß“ als Buch hingegen ist von kristalliner Klarheit und Offenheit und dabei so zurückgenommen und zart wie der Ausdruck „weißes Lächeln“, den es, so schreibt Han Kang, wohl nur in ihrer Muttersprache gebe. Der Ausdruck beschreibe ein Gesicht, „das ein Lächeln – einsam und versonnen – nur andeutet, verbunden mit zerbrechlicher Reinheit“. Und weiter: „Wenn es überhaupt auf jemanden angewendet werden kann, dann auf dich, die du darum kämpfst, zu lachen, während du geduldig erträgst.“

          Wickeltücher werden zu Leichentüchern

          „Weiß“ erzählt über die verstorbene Schwester der Erzählerin, die selbst gestaltlos bleibt, in diesem Fall aber offenkundig mit der Autorin in eins genommen werden kann. Es handelt von der Trauer über einen Verlust, der selbst nicht erfahren wurde, aber das eigene Dasein bestimmt. Und mehr noch: der die eigene Existenz vielleicht allererst ermöglicht hat. Wie vermisst man, was man nicht kannte?

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