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Han Kangs neuer Roman : Die Beichte des Bildhauers

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Im Nachwort ihres Romans dankt die Schriftstellerin Han Kang „dafür, dass ich lebe und dass es mir vergönnt ist, als Schriftstellerin zu arbeiten“. Bild: Baek Dahum

Allen die Maske vom Gesicht reißen: Die Koreanerin Han Kang seziert in ihrem Roman „Deine kalten Hände“ Essstörungen und Fleischeslust.

          Schon öfter musste sich der Bildhauer Jang Unhyong die Frage „Sind Sie vielleicht pervers?“ stellen lassen: Die Modelle des „Außerirdischen“, wie er sich selbst nennt, provozieren bei anderen unangenehme Empfindungen zwischen Brechreiz und Lust, Ekel und Gänsehaut. Die eine fasziniert ihn durch ihre ungeheure Leibesfülle und ihre schönen, zarten Hände, die perfekte Schönheit der anderen ist ihm durch ihre kleinen Makel und kalten Hände gerade noch erträglich. Das alles liegt noch innerhalb der Bandbreite normalen Schönheitsempfindens. Boteros Frauen oder die Nanas von Niki de Saint-Phalle haben ja auch nicht gerade Model-Maße.

          Was Han Kangs bereits 2002 entstandenen Roman „Deine kalten Hände“ über die europäische Maler-und-Modell-Tradition hinaushebt, ist die leidenschaftliche Hingabe des Künstlers an das üppig wogende, schmatzende Fleisch. Das „Fest der rhythmisch wallenden Speckfalten“ ist in seiner Einheit von Klarheit und Geheimnis, Höflichkeit, Zärtlichkeit und nackter Gewalt schon eine sehr koreanische Spezialität. Han Kangs Thema ist, wie in ihrer mit dem Booker-Preis ausgezeichneten „Vegetarierin“, das weibliche Aufbegehren gegen die Enge, Förmlichkeit und Maskenhaftigkeit der koreanischen Gesellschaft: Essstörungen als körperlich-instinktiver, selbstzerstörerischer Widerstand gegen Männergewalt in Ehe, Familie und Kunst.

          „Das Leben ist eine Hülle, die sich über einem Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen.“ Der fiktive Protagonist Jang Unhyong will „den Menschen die verletzliche Hülle abziehen, um in ihr Inneres zu sehen“. Bei seinem „Lifecasting“-Verfahren nimmt er hyperrealistische Gipsabdrücke vom nackten Frauenleib (eine schmerzhafte, demütigende Prozedur, die nicht jede durchsteht), die er hinterher aufbricht und neu zusammensetzt. Sein Atelier ist ein Trümmerfeld hohler Frauenbilder, ein Friedhof beschädigter Torsi, und ähnlich unaufgeräumt und morbide wirkt manchmal auch der Roman.

          Insgeheim fasziniert von allem Hässlichen

          Besonders angetan hat es Jang Unhyong die Studentin L. Als Kind sexuell missbraucht, fraß sie sich eine Schutzhülle aus Fleisch an, unter der sie jetzt leidet. Für den Künstler sind ihre schönen kleinen Hände aber „heilig“, ihr unförmig aufgequollener Körper ein Altar. Am liebsten würde er sich darin verkriechen, sich in ihrer „Negativschale“ begraben lassen, aber so weit ist es noch nicht. L. rebelliert gegen den Fettkult ihres Anbeters: Sie zerschlägt die Skulpturen, die er aus ihren Wülsten und Dehnungsstreifen formte, und hungert sich für einen anderen Mann schlank. Was den Künstler und seine widerspenstige Muse verband, war nicht Liebe, sondern die Einsamkeit der Außenseiter, eine unstillbare Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Wahrheit, die sich im Wechselspiel von Fressattacken und Diäten, Eingipsen und Auspacken von Traumata und Lügen realisierte.

          Han Kang:„Deine kalten Hände“.Roman. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 312 S., geb., 22 Euro.

          E. hat als erfolgreiche Innenarchitektin ein anderes Verhältnis zu Jang Unhyongs Körperkunst. Lifecasting-Skulpturen sind für sie dekorative Möbelstücke, aber wenn sie selber eingegipst wird, fühlt sie sich wie ein gefangenes Tier. E. ist so labil und exzentrisch wie L., aber als Star-Designerin und begehrte Frau mindestens auf Augenhöhe mit dem Bildhauer. Edel und elegant, unnahbar und unergründlich, schlank, weltläufig und auf puppenhafte Weise schön, erscheint sie ihm wie eine perfekte Totenmaske. In Wahrheit ist E. eine Metzgerstochter, die sich mit Disziplin und Innendesign vor dem Spiegel und auf der Waage modellierte. Dass sie mit sechs Fingern geboren wurde, hinterließ nicht nur an ihrer Hand Narben.

          Dass Jang Unhyong allen die Maske vom Gesicht reißen will, hängt auch mit seiner Biographie zusammen. Sein Vater war ein kalter, strenger Patriarch, seine Mutter eine lächelnde Maske; so wurde er ein Monster der Unauffälligkeit, angepasst, ängstlich, still. Und insgeheim fasziniert von allem Hässlichen, Schiefen und Krummen, etwa der verstümmelten Hand seines Onkels. Auch als Künstler wird er das Abnormale, Schmutzige und Deformierte mehr schätzen als die reinliche gerade Form.

          Zwischen Kunstbetriebssatire und Emanzipationsdrama

          Das gilt auch für Han Kang. In „Die Vegetariern“ erzählte sie von einer mausgrauen Frau, die mit ihrem plötzlichen Fleischverzicht gegen eine Männerwelt rebellierte, in der es keinen Platz für weiblichen Eigensinn, Sinnlichkeit und pflanzenhaft wuchernde Kreativität gab. „Deine kalten Hände“ ist für unser westlich-rationales Denken nicht weniger befremdlich, aber nicht ganz so konsequent erzählt. Die Beichte des Bildhauers ist eingebettet in eine überflüssige Herausgeberfiktion und schlingert manchmal bedenklich zwischen Kunstbetriebssatire und Emanzipationsdrama.

          Im Prolog berichtet die Autorin H. – vermutlich ein Alter Ego von Han Kang –, wie sehr das Schreiben sie auslauge: „Alle Erinnerungen aus meinem menschlichen Dasein verblassen – mein Ich stirbt sozusagen – und es bleiben nur die Romane, an denen ich schreibe, und die Person, die diese Romane schreibt.“ Die Anspannung falle erst von ihr ab, wenn sie einen befriedigenden Schluss gefunden habe. So war es wohl auch diesmal. Im Nachwort dankt Han Kang „dafür, dass ich lebe und dass es mir vergönnt ist, als Schriftstellerin zu arbeiten“.

          Die befremdliche Rätselhaftigkeit, die vampirische Saugkraft ihrer „Lifecasting“-Methode teilt sich dem Leser durchaus mit. Aber so ungerührt unterkühlt und gleichzeitig pathetisch, wie Han Kang über Maskierung und Verstecken, Eingipsen und Aufmeißeln von körperlichen und seelischen Deformationen und „nachtdunklen Hohlräumen“ aller Art schreibt, wird man mit diesen „Kalten Händen“ dann doch nicht recht warm.

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