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: Halbwissen mit Vollspeed

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"Worauf beruht eigentlich die Situation eines zweitrangigen Schriftstellers, wenn nicht auf einer einzigen, riesigen Abfuhr?" Wenn Santiago Gamboa bereits auf der ersten Seite seines jüngsten Romans mit Gombrowicz' Stimme zum Spott auf die minderwertigen Literaten bläst, so mit einer fast selbstverständlichen ...

          "Worauf beruht eigentlich die Situation eines zweitrangigen Schriftstellers, wenn nicht auf einer einzigen, riesigen Abfuhr?" Wenn Santiago Gamboa bereits auf der ersten Seite seines jüngsten Romans mit Gombrowicz' Stimme zum Spott auf die minderwertigen Literaten bläst, so mit einer fast selbstverständlichen Gewißheit: selbst nicht zu diesen bemitleidenswerten Geschöpfen der literarischen Nachhut zu gehören. Denn, so zitiert Gamboa aus "Ferdydurke", die Erniedrigung des schlechten Schriftstellers ist gleich eine dreifache: durch das Publikum, durch die Wirklichkeit, vor allem aber durch die Kunst selbst, "bei der er Zuflucht suchte, die aber seine Unfähigkeit und Unzulänglichkeit verachtet".

          Zu Klagen über solche Abfuhren hatte der junge Erfolgsautor aus Kolumbien bislang in der Tat wenig Anlaß. Seit seinem literarischen Debüt ist er der erste über die Landesgrenzen bekannte Großstadtromancier Bogotás; emblematischer Vertreter einer rebellischen "Generation McOndo", der die Flucht aus der Kultstätte des "Magischen Realismus" gelang: dem Dorf Macondo aus den Romanen des allüberschattenden García Márquez. Auch mit seinem dritten in deutscher Sprache erschienenen Roman "Die Blender" verweilt Gamboa auf den neonbeleuchteten Pfaden der Großstadtliteratur. Unter der Feder des inzwischen gereiften Romanciers freilich erfährt dies Genre eine vielfarbige Nuancierung. Den Schauplatz seines Buches verlegt Gamboa vom Großstadtdschungel Bogotás in den des postsozialistischen Pekings. Dabei bemüht er sich, seine Meisterschaft in gleichzeitig allen Genres, Kulturen und Traditionen unter Beweis zu stellen.

          Aus diversen Facetten globalisierter Promiskuität zusammengewürfelt sind besonders die Helden des Romans: der Literaturwissenschaftler Nelson Chouchén Otálora, Peruaner in professoralen Diensten einer überfinanzierten nordamerikanischen Universität; Serafín Suárez Salcedo, frustrierter kolumbianischer Radiojournalist in französischen Staatsdiensten; und der ebenso bierschaum- und fernostsüchtige Sinologe Dr. Gisbert Klauss von der Universität Hamburg, der dennoch noch nie seine heimische Schreibstube verlassen hat. Diese drei ungleichen Gestalten treffen in der boomenden Megalopolis des Fernen Ostens zusammen - allerdings nicht, um den jüngsten Wirtschaftsgipfelstürmen des Reichs der Mitte hinterherzujagen, sondern einem esoterischen Manuskript. "Weite Transparenzen der Luft" nennt sich die Schrift, welche in tragikomischer Weise die Schicksale der drei Kontinente Asien, Europa und Amerika zusammenführt. Ihr Autor heißt Wang Mian, ein vergessener chinesischer Klassiker. Seine seit hundert Jahren verschollene Handschrift ist zugleich der heilige Kodex jener antiwestlichen "Sekte von der Starken Faust", die im Jahre 1900 den Boxeraufstand initiierte.

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