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: Haie über Las Vegas

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"Ich lernte Mallory Walker hoch in den Bergen am Silverlake bei einer Party kennen, die Luis Barragan veranstaltete, um die Welt wissen zu lassen, dass er noch existierte." Damit sind die beiden Gegenspieler, Liebenden, Schicksalsgenossen eingeführt, die an jenem 2. September 1956 in Los Feliz, Kalifornien, ...

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          "Ich lernte Mallory Walker hoch in den Bergen am Silverlake bei einer Party kennen, die Luis Barragan veranstaltete, um die Welt wissen zu lassen, dass er noch existierte." Damit sind die beiden Gegenspieler, Liebenden, Schicksalsgenossen eingeführt, die an jenem 2. September 1956 in Los Feliz, Kalifornien, aufeinandertreffen: der Ich-Erzähler Maurice Valentine und dessen Femme fatale Mallory Walker. Beide haben jenseits ihres Architektenberufes etwas gemeinsam: Sie sind Hochstapler, mehr noch - Kreaturen, die sich von anderen modellieren ließen.

          Maurizio Viglioni, vierzig Jahre alt, streifte nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg - er kam als dekorierter Schütze eines Bombers aus dem Wahnsinn wieder - seine Identität ab und nannte sich Maurice Valentine. Jetzt ist er nach der Hochzeit mit der Senatorentochter Jackie auf einem ganz steilen Karrieretrip. Geht es bei Valentine nur um eine Laufbahn im Windschatten von Politik und Geld, so dreht sich bei Beth Dyer, die sich den Namen Mallory Walker bei einer Millionärstochter borgte, um Leben und Tod.

          Wir sind im Land der unamerikanischen Umtriebe; die McCarthy-Untersuchungsausschüsse sind in vollem Gang, und in der Wüste von Nevada erprobt man die neueste Generation von Atombomben. Aber selbst den Strahlentod kann man versilbern: Maurice Valentine baut für die Armee Dörfer in der Wüste, das Militär will die Folgen seines Treibens hinterher genau studieren. Angeblich werden sogar Schweine in Uniformen in der Explosionszone ausgesetzt.

          Für Maurice Valentine sind das nur Nebenkriegsschauplätze, denn er hat sich längst als Marionette vor den Machtkarren seiner Frau und seines Schwiegervaters spannen lassen. Der will den smarten Architekten zum zweiten Senator des Staates Nevada aufbauen, um damit im Kongress Unterstützung zu haben für seine dubiosen Machenschaften, die ihn mit der großen Spielfigur des Kasinobesitzers Paul Mantilini verbinden. Der ist unumschränkter Herrscher der aufstrebenden Glücksspielerstadt - man muss sich Las Vegas noch als Kleinstadt in der Wüste vorstellen, die man von Hollywood aus gerne ansteuert. Noch sind nicht alle Karten verteilt, aber gemischt hat Mantilini sie längst; das gilt auch für seinen Sohn, der noch nicht das Format des Vaters erreicht hat. Denn dieser ist ein Ausbund an Selbstbeherrschung, Machtgier paart sich bei ihm mit formvollendetem Auftreten und einer allzeit kalten Gefährlichkeit.

          Der englische Schriftsteller Richard Rayner, Jahrgang 1955, lebt seit langem in Los Angeles und ist hierzulande schon mit Büchern hervorgetreten (darunter "Der Wolkenfänger", 2002), aber zum Durchbruch hat es noch nicht gereicht. In seiner Heimat erregte er Anfang der neunziger Jahre Aufsehen, als er gestand, Kleptomane zu sein. Mika Kaurismäki nutzte 2002 Rayners Buch "Los Angeles Without a Map" als Vorlage für seinen gleichnamigen Film. Mit dem nun vorliegenden Kriminalroman hat Rayner Klasse bewiesen, denn das Buch evoziert nicht nur mustergültig die Atmosphäre jener Jahre, es reiht sich auch sprachlich mustergültig in die Schwarze Serie.

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