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H.G. Adler: Panorama : Der Prager Frischling

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Adlers Erfahrungen und Arbeiten sind eng mit Prager Schicksalen, den seinen und denen der anderen, verbunden, aber er ist durchaus kein Prager Patriot, wie der junge Rilke oder der jüngere Max Brod. Er liebt die Stifterschen Wälder und Berge (selbst im Lager schweift sein Blick an den Gebirgshorizont), nicht die verwirrende Großstadt, mit ihren Nachtlokalen und dem „Saxophongedudel“ und den staubigen Straßen, in denen die Autos „rasen“ und „unendlich fremde Menschen hasten“. Die Wälder sind fern, aber der Schriftsteller will nicht auf die Authentizität des gesprochenen Stadt-Idioms verzichten, das uns daran erinnert, mit wem wir es zu tun haben: besorgte Eltern, die ihre „Mimis“ (aus dem zärtlichen tschechisch miminko) mit „Grieskasch“ und „Powidl“ füttern, junge Leute gehen ins „Bio“, nicht ins Kino, und selbst der hochgebildete Kulturdirektor fragt, „no, was ist denn Bildung?“

Adlers Roman, als Lebensbuch epochaler Erfahrungen, hat die frühen Kritiker allzu oft dazu verleitet, die Inhalte hervorzuheben, das Sprachliche zu unterschätzen oder gar zu ignorieren – anstatt die Spannkraft seiner Sprachkraft zu bewundern, die von den komischen Monologen grotesker Figuren bis zu jenen Augenblicken in den Lagern reicht, in denen die Not auch die Syntax zerbricht und nur das nackte einzelne Wort bleibt. Hinter dem Stacheldraht beginnt „die Sprache zu kriechen“, die Wörter sind „hart, gebellt“, sie werden „hervorgestoßen“, die Rede der Verlorenen „fließt nicht, sie deutet nur an oder packt, sonst sind es Schreie, gezückte Flammen, geschleuderte Stiche“.

Nicht nur Deskription

Allerdings drängt uns das wiederkehrende Motiv des Panoramas mit seiner Folge von Guckkastenbildern dazu, das starre und deskriptive Optische zu suchen oder, wie es die ersten Rezensenten taten, nach der Präzision des Details zu fragen oder ihren Überfluss zu beklagen. Die Einzelheiten der mannigfaltigen Lebenssituationen in Kindheit, Dorf, Jugend, Großstadt, Zwangsarbeit und Lager sind alle unverlierbar gegenwärtig, denn das ganze Buch ist kompromisslos in der Gegenwart geschrieben, und nichts ist durch ein distanzierendes und tröstliches Es-war-einmal in die Vergangenheit gerückt.

Mehr noch: Alles wird gesagt und gehört, die Menschen reden alle oder hören zu (wenn sie können), und wenn Josef, der zentrale Charakter, einmal ruht, nimmt sein anderes Ich das Wort und sagt uns seine geheimen Gedanken. Die Sprache, oder eigentlich das Gesagte und Gehörte, schwillt auf und ab, flutet mühelos über Absätze und Seiten, liebt das verbindende Komma, zögert mit einem Semikolon, und Schlusspunkte sind selten.

Pauken und Flöten

Panorama? Wir sind mit einem Male auf ein Experiment eingestimmt, das an Gertrude Steins Prosakunst erinnert, ohne an Deutlichkeit zu verlieren. Gleich hinter dem Guckloch spielt ein vielstimmiges Orchester, und nichts an feinen Flöten oder den Gewittern der Pauken geht verloren. H. G. Adler ist eben kein Prager provinzieller Eigenbrödler, wie viele glaubten, aber ein kunstbewusster Schriftsteller, der sich seine eigenen Methoden erfindet, auf der Höhe der Weltliteratur. Wir sind erst am Anfang, und in seinen Werken, ob Prosa, Lyrik oder Philosophie, gibt es noch vieles zu entdecken.

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