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H.G. Adler: Panorama : Der Prager Frischling

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„Bereitschaft zur Hinnahme“

Dann kommen die düsteren Zeiten; er wird, als Jude, zur Arbeit am Eisenbahnbau abkommandiert (immerhin sind die tschechischen Fachleute mit den Zwangsarbeitern noch solidarisch), aber in den Konzentrationslagern herrschen Hunger, Egoismus, Tod und Mord, und der Häftling schämt sich fast seiner stoischen „Bereitschaft zur Hinnahme“, die sich von jedem törichten Fatalismus unterscheidet und keine Angst kennen will, denn die Angst „unterjocht und mordet, bevor noch ein Todesurteil den Menschen zur Vernichtung bestimmt“. Das letzte Guckkastenbild zeigt den Flüchtling, der eben England erreicht hat und auf einem Ausflug aufs Land in Ruhe über sein bisheriges Leben nachdenken will – er hat allen Grund, auf die Gnade, die ihm zuteilgeworden, mit einem Akt der Freiheit zu antworten, und weiß nun deutlicher denn je, dass er „als Mensch nur bestehen kann“, indem er sich nicht mehr „allein auf eine eigene Person“ beschränkt.

Das intime und literaturhistorisch instruktive Nachwort, mit welchem Jeremy Adler, Sohn des Autors und Londoner Germanist, die neue Publikation begleitet, plädiert dafür, die heiteren Elemente des Romans nicht zu übersehen; und ich gehe noch einen kleinen Schritt weiter und behaupte, dass es falsch wäre, über dem standhaften Melancholiker Adler den bedeutenden Humoristen zu übersehen, wie er in den Kapiteln über den Hauslehrer und das Prager Kulturhaus unverfälscht zutage tritt.

Groteskes Panoptikum

Die redselige Frau Börsenrätin, die den jungen Kandidaten für ihre Erziehungspläne einspannen will, ist eine komische Figur, gerade wenn sie behauptet, täglich in Spinozas Ethik zu lesen (sie hat eine in Leder gebundene Ausgabe auf ihrem Nachttisch liegen), und sich auf Freud und seine Schüler beruft, um den neuen, aber schon widerwilligen Hauslehrer zu bewegen, ihre Söhne vor „schwülen Gedanken“ zu bewahren und die bedauernswerten Sprösslinge zu richtigen Philistern zu erziehen.

Im Kapitel über das Prager Kulturhaus verwandelt sich das Panorama vollends in ein groteskes Panoptikum; nicht so sehr kafkaeske Bürokratie als eher eine Marx-Brothers-Groteske: der geschwätzige Direktor Rumpler, der sich als „Goethe-reif“ bezeichnet und alles selbst machen will, vom Kartenverkauf bis zu den Vorträgen über Kanarienvögel. Er wischt die Empfehlungen des jungen Philosophen, der angestellt werden möchte, mit einer Handbewegung vom Tisch: „da halten sie einen Haufen Empfehlungen in den Händen. Wie alt sind Sie? Ah, so fünfundzwanzig. Wissen Sie, da hab’ ich dem Schnitzler die besten Einfälle für seine Bücher gegeben, da hat er was gehabt und ist ein berühmter Mann geworden!“

Großstadt versus Stifter

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