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György Konrád: Über Juden : Schuldlose Völker gibt es nun doch

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Bild: Verlag

Aufgestaute Wut über die Wiederkehr des Antisemitismus: Ein neuer Band versammelt György Konráds parteiische Essays zum Judentum.

          Von seinem vor zwei Jahren erschienenen Essaytagebuch „Das Pendel“ unterscheidet sich György Konráds neue Aufsatzsammlung „Über Juden“ gänzlich. Wie die Vorgängerpublikation ist auch sie zunächst in Ungarn erschienen, jedoch versammelt der neue Band zwanzig eigenständige Abhandlungen, wobei die meisten zwar im neuen Jahrtausend entstanden sind, mehrere aber auf die neunziger Jahre zurückgehen und eine gar auf das Jahr 1986.

          In den jüngeren Texten schlägt der ungarisch-jüdische Autor einen weit schärferen Ton an als in den älteren. Hier merkt man Konrád, der als Kind in Ungarn den Holocaust nur knapp überlebt hat, seine aufgestaute Wut über die Wiederkehr des offenen Antisemitismus in seinem Land deutlich an. „Über Juden“ gerät wohl auch deshalb über weite Strecken zu einer Apologetik des jüdischen Diasporalebens wie des Staates Israel, durchwoben von sich stets wiederholenden biographischen Details, die an das eigene Schicksal und an das der ungarischen Juden in der Schoa gemahnen. Für den älter werdenden Konrád ist eine starke israelische Armee die notwendige historische Antwort auf die Judenvernichtung. Aus seiner Sicht sind die heutigen Feinde des israelischen Staates ohne weiteres mit den Nationalsozialisten vergleichbar, strebten sie doch mit ihrem radikalen Islamismus die „Endlösung“ für Israel an.

          Der moralische Zeigefinger

          Solch überspitzte Rhetorik, die der Heftigkeit des innerungarischen Kulturkampfes geschuldet sein dürfte, stützt sich auf Geschichtsauffassungen konservativ-zionistischer Provenienz, die selbst in Israel als überholt gelten. Vereinfachend heißt es etwa in dem 2009 entstandenen politischen Stück „Europa und Israel“, die Araber seien 1948 „geflohen“ und die Juden aus den arabischen Ländern anschließend in einem Racheakt „vertrieben“ worden. Der Europäischen Union, die mit Israel bekanntlich auf vielen Ebenen kooperiert, wirft der jüdische Ungar vor, konsequent proarabisch zu sein, woraus er eine Kontinuität zum Verhalten der Europäer während des Holocaust ableitet.

          Von einem solchen zur Einseitigkeit neigenden Opferdiskurs war Konrád 1989 noch weit entfernt. In der Abhandlung „Ungarisch-jüdische Bilanz“ konstatierte er damals: „Auch als Juden sind wir nicht Opfer - dies allein schon deshalb nicht, weil die Geschichte zahlreiche jüdische Taten und Täter registriert. Schuldlose Völker gibt es nicht, nur moralische Stumpfheit.“ Und gegen die erhob der Schriftsteller den moralischen Zeigefinger: „Ein Jude muss darunter leiden, wenn israelische Soldaten ein arabisches Kind erschießen.“

          Jüdische Selbsterforschung

          Wer also jene sprichwörtliche jüdische Fähigkeit zur Selbstkritik sucht, wie man sie im Allgemeinen von einem jüdischen Schriftsteller, der „Über Juden“ schreibt, erwartet, dem seien vor allem die in dem Band enthaltenen früheren Stücke empfohlen. Allerdings dominiert auch hier bei Konrád der Zwang, die jüdische Mentalität auf die Erfahrung der Verfolgung zurückzuführen. Weil sie ihre Zelte häufig haben abbrechen müssen, so legt es der Essay „Weltvolk in Nationalstaaten“ nahe, seien die Juden besonders dem „Abstrakten“ verbunden - sprich Finanzangelegenheiten, Wissenschaften, Medien und Kunst. Ihr Denken sei von Wertvorstellungen geprägt, die nicht direkt an das Materielle gebunden und deshalb auch weniger der Gefahr ausgesetzt seien, zerstört zu werden.

          Daraus resultiert auch György Konráds selbstauferlegte „Disziplin des Außenseiters“, die ihn antreibt, das eigene Judesein stets aufs Neue zu ergründen. Am spannendsten wird diese Selbsterforschung in der Abhandlung „Die erste Entscheidung“, die sich durch ihre Gedankenklarheit und ihren Einfallsreichtum deutlich von den übrigen Beiträgen des Bandes abhebt. Vor allem aber durch eine gesunde Portion Selbstironie, die in dem Buch sonst rar gesät ist: „Wenn ich voller Rasierschaum in den Spiegel sehe“, steht hier, „kommt es mir nicht in den Sinn, dass ich dies als Jude tue.“

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