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György Konrád: Das Pendel : Einfluss nicht gesucht, Kontemplation im Angebot

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Unvoreingenommenheit ist seine größte Tugend: Der ungarische Schriftsteller György Konrád gibt in seinem Essaytagebuch „Das Pendel“ Auskunft über sich selbst.

          4 Min.

          Präsident des Internationalen PEN-Clubs, Präsident der West-Berliner Akademie der Künste, in der Frankfurter Paulskirche ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und in Aachen mit dem Internationalen Karlspreis - wie bringt der ungarische Schriftsteller György Konrád solche Gravität der Ehrungen ins Gleichgewicht mit der lockeren und nirgendwo eitlen Selbstdarstellung in seinem Essaytagebuch „Das Pendel“?

          Indem er sich zunächst als Beobachter, als Flaneur und „Stadtsoziologe“ in Budapest, als Familienvater und zum dritten Mal verheirateter Ehemann präsentiert. Das alles mutet wie ein heiteres Capriccio an, bewegt sich aber in einem politisch unterminierten Gelände. Zu einem Angelpunkt dieses Essaytagebuchs werden Ereignisse und Folgen des niedergewalzten ungarischen Volksaufstandes von 1956. An ein böses historisches Datum denkt Konrád zurück, an den Einmarsch russischer Truppen schon einmal, im Sommer 1849, an die Erstickung der ungarischen Revolution von 1848/49. Er hätte auch Heinrich Heines Gedicht „Im Oktober 1849“ zitieren können, das die Invasion der Russen geißelt und eine Freiheitsliebe der Ungarn preist, wie er sie im Deutschland von 1848/49 vergeblich suchte.

          An dem Punkt, wo die Erzählung in die Tage der Kindheit im Haus des jüdischen Großkaufmanns zurückblendet, setzt sich zugleich ein autobiographischer Zug des Buches durch. Eine Parallelität zum ersten Teil der Autobiographie Elias Canettis, „Rustschuk 1905 - 1911“, wird sichtbar. Auch Canettis frühe Kindheit wurde bestimmt vom Leben in einer Großhändlerfamilie. Handel war ein bevorzugter Berufszweig jüdischer Familien auf dem Balkan wie in Ungarn, ob im bulgarischen Rustschuk oder im ungarischen Debrecen.

          Das Authentische fordert den Preis der Wiederholung

          Konrád lernte als Kind die ungarische und die deutsche Sprache gleichzeitig - eine der Voraussetzungen für seine enorme öffentliche Wirkung im deutschen Sprachbereich. Die Überschneidung von Elementen des Tagebuchs und der Autobiographie, der situationsbedingten Perspektive des Tagebuchs und der einer Rekonstruktion des Gewesenen, birgt ihre Nachteile und ihre Vorteile. In Konráds Tagebuch summieren sich lauter Feste der Sinneseindrücke. Aber der Preis des Authentischen ist die Wiederholung. Einander ähnliche Beobachtungen drosseln die Lektürespannung. Andererseits jedoch entsteht ein Mosaik aus Erfahrungsbericht, Reflexion und Lebensdokument. Und das literarische Gebilde als Ganzes wird durch die essayhaften Teile unter geistiger Hochspannung gehalten.

          Konrád hat nach der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 Ungarn nicht verlassen wie fast zweihunderttausend andere Bürger des Landes. Aber er gehörte als Schriftsteller einer Opposition an, die durch die Behörden der Staatssicherheit überwacht wurde - Texte für den Druck im Westen konnte er nur über Mittelsmänner außer Landes schmuggeln. Auch als es ihm 1976 möglich geworden war, „über die Eisenbahnschienen aus dem östlichen Lager hinauszurollen“, war sein Auslandsaufenthalt keine Entscheidung für die „Lebensform des Emigranten“.

          Von ProTESTantismus und Kontemplation

          Mehrfach hat er eingestanden, „Dissident“, aber „kein Kämpfer“ gewesen zu sein. Bezeichnend dafür war sein Verhalten als Präsident der West-Berliner Akademie der Künste in einer Streitfrage. Wo Grass „Kampf“ forderte, verweigerte er ihn. Parteiideologische Bindung mied er. Und nicht nur das. „Ich entglitt den Lehren und Religionen“. „Politikern, Akademien, meinem jüngsten Kind mache ich keine Vorschläge. Will keinen Einfluss ausüben, verkaufe Kontemplation.“

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