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György Konrád: Das Pendel : Einfluss nicht gesucht, Kontemplation im Angebot

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Seiner Unvoreingenommenheit verdankt sich die Unmittelbarkeit von Wahrnehmungen und Erfahrungen. Eines der vorzüglichsten Beispiele dafür ist die Beobachtung amerikanischer Lebensgewohnheiten, des „American Way of Life“, während eines Gastsemesters als Professor für Vergleichende Literaturgeschichte in Colorado Springs. Er entdeckt die große Integrationskraft einer Spielart der angelsächsischen Kultur. Hier habe die „proTESTantische Ethik“ ihre Überlegenheit behauptet. Selbst Juden und Katholiken seien hier im Geiste ProTESTanten: „Im erfolgreichsten Land der Erde musst auch du erfolgreich sein.“

Alarmiert von der Rückkehr des Antidemokratischen

War der gescheiterte ungarische Volksaufstand von 1956 der eine Angelpunkt, so ist der Gegenpol, die gewaltfreie Revolution von 1989, der Zerfall des Ostblocks, die andere „organisatorische Mitte“ des Buchs. Konrád, der wöchentlich zwischen Budapest und Berlin pendelte (auch so versteht sich der Titel des Bandes, „Das Pendel“), bewahrt sich den ungetrübten Blick von außen. Er sieht das West-Berlin vor der Wende als den „Freihafen unzensierter Kunst“, als „internationale Bühne“, und macht für das zu Deutschlands Hauptstadt gewordene Berlin vorsichtig eine Gegenrechnung auf: Es habe gegenüber dem Berlin als Insel im Ostblock offenbar etwas von seiner „kosmopolitischen“ Weite verloren. Im Übrigen fühlt sich der Bürger eines Landes, das so lange dem Universalstaat der Habsburgermonarchie angehörte, nicht der preußischen Tradition nahe und bedauert den Umzug der Herrschermacht von der Donau an die Spree nach der Reichsgründung von 1871. Schon lange vor der umstrittenen Orbán-Regierung bedrängen Konrád die Warnzeichen der politischen Entwicklung im Heimatland.

Die konservativ-nationale „Wende“, die der Ministerpräsident Antall vorantreibt, alarmiert ihn in doppelter Weise: Die nach 1989 errungenen demokratischen Freiheiten gehen verloren, und aus den Schlupflöchern wagt sich wieder der Antisemitismus hervor. Und nun vergisst Konrád sein Unbehagen am Stil der kämpferischen Einmischung und schreibt gegen eine antisemitische und „neofaschistische“ Rhetorik an. Und einen weltbekannten Schriftsteller wie ihn überhört man nicht: Er wird vom ungarischen Staatspräsidenten Árpád Göncz (gleichfalls einem Schriftsteller) empfangen.

Unbegrenztes, brilliantes Gedächtnisarchiv

In die Jahre gekommen, in denen manche Menschen mit der Zeitungslektüre bei den Todesanzeigen anfangen, weicht sein Denken dem Unausweichlichen nicht aus, aber fast mit der Emotionslosigkeit des Technikers. Er sieht seinen eigenen Tod als „winzigen Stromausfall“, der den Kreislauf nicht unterbricht: „Der Mensch wird aufgebraucht und ersetzt.“ Pardon und Einspruch, verehrter Herr Autor! Wir sehen im Augenblick keinen, der die Individualität eines György Konrád ersetzen könnte. Denn sein Buch dokumentiert eine unermüdliche Erkundung der Myriaden von Lebensäußerungen. Ob er den Menschen im Café, bei Spaziergängen oder auf dem Tennisplatz beobachtet, ob er in kindlicher Unbefangenheit der Storchenhochzeit auf dem Dach der Synagoge zuschaut, ob sein Blick den Mädchen in interessanten Blusen oder älteren Damen mit ihrem Pudel folgt, ob er sich, als er vorübergehend den Jugendschutz zu seinem Beruf gemacht hat, gegenüber den „rauhesten und widerspenstigsten Figuren“ behaupten muss oder ob er den Tag der Antrittsparty in Colorado Springs und die Autofahrten mit dem „Oldsmobile“ beschreibt, immer wird der Impressionismus der Wahrnehmungen ganz konkret.

Ob in Budapest, Berlin, Wien, Prag, Paris oder London: immer bleibt Konrád „ein sich verwundernder Reisender“ und nimmt alle Eindrücke auf in sein Gedächtnisarchiv. „In meinem Kopf treffen die Städte aufeinander.“ Manchmal verwirrend, aber immer faszinierend ist das Spiel der Facetten. Und unbegrenzt scheint der geistige Horizont in diesem Buch eines brillanten ungarischen, mehr noch: urbanen Schriftstellers.

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