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Guntram Vesper: Auftakt mit Arnold Z. : Al Capone der Pfalz

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Abschmelzende Gedächtnisfelder: Guntram Vespers „Auftakt mit Arnold Z.“ versammelt vier reizvolle autobiographische Miniaturen, die durch ihre Subtilität für sich werben.

          3 Min.

          In einer Zeit, da autobiographische Entwürfe mit dem Faltenwurf episch ausholender Gesten auftrumpfen, kann unaufdringliches und unprätentiöses autobiographisches Erzählen befreiend wirken, können Miniaturen neuen Reiz gewinnen. Eine Tendenz zum wohltuenden Understatement durchzieht die vier autobiographischen Miniaturen in Guntram Vespers „Auftakt mit Arnold Z.“, einem Bändchen, das mit Linolschnitten von Zoppe Voskuhl in der Corvinus Presse, Berlin, erschienen ist.

          Die erste Folge von Erinnerungsschüben nimmt ihren Ausgang von einer Hitzewoche des August 1964 in einer Göttinger Dachkammer. Die Erinnerungsschübe überlappen sich. Der Autor pocht auf die Untrüglichkeit einer Erinnerung, die ohne schriftliche Belege, ohne Dokumente auskommt. Die Flucht in den Westen, die Praxis der Staatssicherheit, aber auch die späteren Kontakte mit der Leipziger „Deutschen Bücherei“, ja eine Eloge auf Arnold Zweigs „Sergeant Grischa“ und die literarischen Anfänge im Westen, alles dies bleibt unabhängig von kalendarischer Zeitfolge und deutet auf einen Überfluss von Erinnerungsmaterial, auf dessen gleichzeitige Abrufbarkeit.

          Im westlichen Vorland des Harzes

          Zu dieser Komplexität der Erinnerung treten im zweiten Teil, überschrieben mit „Gandersheim“, die „diffusen Lichtfelder“ in erklärten Widerspruch. In abschmelzende Gedächtnisfelder geben „Akkus der Erinnerung“ ihre Energien. „Zeitgebleicht“ taucht das Bild des Kleinstadtbahnhofs einer Nebenstrecke im westlichen Vorland des Harzes auf. Die Tagung des Schriftstellerverbandes in Gandersheim hat Lebensläufe zusammengewürfelt. Noch ist man ahnungslos, weiß nicht, dass auf dem Gleis des Bahnhofs dieser Stadt einmal der Transport mit dem Buchenwaldhäftling Robert Antelme, dem Mann der Marguerite Duras, ausgerollt war, noch ist der ganze Umfang der politischen Verbrechen des Naziregimes nicht entdeckt, aber in Gandersheim war man ihm schon auf der Spur. Die Kontakte mit der „Deutschen Bücherei“ in Leipzig werden im dritten Teil, „Schatten vom Glück“, als bekannt vorausgesetzt. Aber hier ist der autobiographische Erzähler einer anderen geschichtlichen Dunkelseite als der des Naziregimes auf der Spur, nämlich der des Stalinismus. Exemplarisches heftet sich an die Figur Trifonows – jenes Altbolschewisten und Bürgerkriegshelden und hohen Richters, der 1937 verhaftet und an einem Vorfrühlingstag des folgenden Jahres mit Hunderten von Leidensgenossen auf einem NKWD-Schießplatz am südlichen Stadtrand von Moskau erschossen wurde. In die Enthüllungsgeschichte verwoben aber ist das Bekenntnis einer persönlichen Vorliebe des Erzählers für berühmte Kriminalfälle, das die Brücke zum vierten Teil schlägt.

          In „Schönheiten der Pfalz und unseres Irrsinns“ versammeln sich wie in einem Brennpunkt die autobiographischen Grundmotive und die Interessenschwerpunkte des Autors. Schon in „Auftakt mit Arnold Z.“ fiel eine Vorliebe des Erzählers für Verbrechergeschichten, wie sie im „Neuen Pitaval“ zu lesen sind, auf. Immer sind Schriftstellertagungen Auslöser von Erinnerungswogen – so hier die Tagung von Schriftstellern im pfälzischen Edenkoben. Auf einer Wanderung zur Kalmit, der höchsten Erhebung des Pfälzerwaldes, erinnert sich der Erzähler der „pitavalesken“ Geschichte vom Zahnarzt Dr. Müller, der seine Frau im Wagen verbrannte, aber nicht überführt werden konnte. Zum Prozess war aus Köln der junge Heinrich Böll angereist. Das Verbrechensmotiv eskaliert mit der Story von der Räuberbande des jungen Kimmel, den man seinerzeit den „Al Capone der Pfalz“ nannte.

          Versteckspiel mit eigenen Erfahrungen

          Man sieht, das autobiographische Erzählen treibt mit den eigenen historischen Erfahrungen des Autors ein Versteckspiel, es ist darauf angelegt, dass der Leser selbst sie findet. Diese Selbstzurücknahme erscheint aber dem Autor angesichts so vieler, sich wichtig nehmender Selbstdarstellungen eine Möglichkeit, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Die autobiographische Miniatur ist auch ein Zeichen der List. Die vier Linolschnitte von Zoppe Voskuhl sind keine bloßen Illustrationen zum Text. Sie erzählen eigene Bildgeschichten in kräftigen Strichen und verfremden so als Widerpart die Texte, in denen sich das autobiographische Ich eher tarnt als offenbart.

          Das Geheimnis von Guntram Vespers autobiographischer Prosa ist seine Kunst, Sympathie auf seine individuelle Art der Erinnerungsprosa zu lenken. Hier begegnen wir einem Gegenbild zum Aufschneider, hier hat jemand etwas von der skeptischen Selbst- und Weltbetrachtung des späten Fontane begriffen. Diese autobiographischen Miniaturen und Impromptus werben für sich durch ihre Subtilität.

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