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Günter Blamberger: Heinrich von Kleist : Es blieb die Wahrheit des Gefühls

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Bild: Verlag

Die beste Biographie dieser an Kleist-Biographien so reichen Zeit stammt von Günter Blamberger. Er beschreibt den Dichter als unermüdlichen Schmied von Lebensplänen - und lässt manches Forschungsergebnis elegant verpuffen.

          Im Sommer 1801 ist Kleist wieder einmal unterwegs, mit seiner Schwester Ulrike. Nach Straßburg und Paris soll die Reise führen. Bei Butzbach aber gehen die Pferde durch, weil am Wegesrand ein Esel grässlich wiehert. In voller Fahrt stürzt die Kutsche um. Der Verkehrsunfall hätte übel ausgehen können. „Und an einem Eselsgeschrei hing ein Menschenleben? Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen wäre, darum also hätte ich gelebt?“ Kleist kommt mit dem Schrecken davon - sein Weltvertrauen aber hat einen weiteren Riss davongetragen.

          Der „absurde Beinahe-Tod in Butzbach“ ist eine Schlüsselepisode für Günter Blamberger. Kleist erscheint in seiner Biographie, der besten in diesen reichlich mit Kleist-Biographien gesegneten Jahren, als unermüdlicher Schmied von Lebensplänen, gerade weil er weiß, wie leicht einem beim Leben die Zügel aus der Hand rutschen und die Karre kippt. Zeitlebens aber steht seinen Kontrollphantasien die Faszination durch Krisen und Katastrophen gegenüber.

          An der Abbruchklippe der Epoche

          Karrieredruck lastete auf ihm; die Familie von Kleist brachte zwischen 1640 und 1892 allein dreiundzwanzig preußische Generäle hervor. Dieser Adel verpflichtete (F.A.Z. vom 25. Mai). Auch das führte bei Kleist zu einem hyperaktiven Lebenslauf voll jäher Umschwünge: Da wechselt er nach Jahren als Offizier, die ihn beinahe als „Kindersoldat“ mit blutigen Schlachten vertraut machten, hinüber zur Wissenschaft, will sich an der Waffe der Gelehrsamkeit ausbilden, um dann wie im Zeitraffer ans Ende des aufklärerischen Erkenntnisoptimismus zu gelangen. Dass die Welt nicht so ist, wie sie der menschliche Wahrnehmungsapparat zurichtet, ist heute, in Zeiten der Hirnforschung und der evolutionären Erkenntnistheorie, eine Selbstverständlichkeit. Den Kant-Leser Kleist traf sie mit unerhörter Wucht, dergestalt, dass er gar nicht merkte, wie sehr er den ganz anders temperierten Philosophen missverstand. Der wollte mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ doch gerade Gewissheit schaffen im Reich der Spekulierfreude; Kleist aber wurde über Kants Gewissheitsanstrengung alles ungewiss - und es blieb nur die Wahrheit des Gefühls. Dass auch die gefährlich trügen kann, wird nirgendwo deutlicher als in den großen Fehlentscheidungs- und Missverständnisaugenblicken seiner Dramen und Novellen. Die fundamentale Täuschbarkeit des Menschen gehört zu Kleists großen Themen.

          Als es ihm nicht im Handumdrehen gelingt, Goethe als Dramatiker zu übertrumpfen, will er lieber Landwirt in der Schweiz sein. Mal sucht er den Tod in der Schlacht, mal Ansehen als Herausgeber einer Berliner Tageszeitung. Immer wieder neue Aufbrüche, Pläne, Reisen, ein Schwanken zwischen Aufklärung und Romantik, zwischen der Suche nach Authentizität und der Verhaltenslehre der Verstellung, eine Sandwich-Existenz zwischen Bürgertum und Adel, ein Tanz an der Abbruchklippe der Epoche. Sehr plausibel ist Blambergers These, dass die „Wartesaal-Stimmung“ unter der Regierung Friedrich Wilhelms III., den „entscheidungsunfähigen Melancholiker auf dem Thron“, für den dynamischen Projektemacher und existentiellen Experimentator Kleist unerträglich war; einfach zum Sterben langweilig.

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