https://www.faz.net/-gr3-ua96

: Große chinesische Romanoffensive

  • Aktualisiert am

WUHAN, im Januar.Offiziell gilt nach wie vor Deng Xiaopings Richtlinie des "sozialistischen Verlagswesens mit chinesischen Charakteristika", tatsächlich aber hat sich der Buchmarkt der Volksrepublik in den letzten Jahren zu einem Bestsellermarkt westlicher Prägung entwickelt. Buchkäufer werden ...

          WUHAN, im Januar.

          Offiziell gilt nach wie vor Deng Xiaopings Richtlinie des "sozialistischen Verlagswesens mit chinesischen Charakteristika", tatsächlich aber hat sich der Buchmarkt der Volksrepublik in den letzten Jahren zu einem Bestsellermarkt westlicher Prägung entwickelt. Buchkäufer werden längst durch Bestsellerlisten gesteuert, und für die nicht oder kaum noch staatlich subventionierten Verlage sind umsatzstarke Titel wirtschaftliche Notwendigkeit. Sogar der eher schwerfällige Sortimentsbuchhandel richtet seine Verkaufsstrategien auf die aktuelle Nachfrage aus.

          Zhou Baiyi, Vizepräsident eines fünfzig Jahre alten traditionsreichen Literatur- und Kunstverlages in Wuhan, sieht denn auch keinen Widerspruch zwischen gesellschaftlichem und ökonomischem Gewinn. Beide Aspekte ließen sich harmonisch verbinden, sagt er im Gespräch: Ziel seines Verlages sei es, die Lesebedürfnisse der Massen zu befriedigen und ihren Alltag zu bereichern.

          Der Stoff, aus dem die Leserträume geschneidert sind, rekrutiert sich in China wie überall sonst zum guten Teil aus dem internationalen Reservoir angloamerikanischer Prägung. Auf den gerade aktuellen Listen regieren Dan Brown und Harry Potter, überraschenderweise aber auch moderne Klassiker wie Nabokovs "Lolita". Die chinesischen Akzente setzen Sach- und Ratgeberbücher, romantische Liebesgeschichten und historische Romane sowie die Jugendliteratur einheimischer Autoren. Zielgruppe ist allerdings nicht die Masse, von der Verlagsdirektor Zhou ideologisch korrekt spricht, sondern die wirtschaftlich aufstrebende Mittelschicht in Metropolen wie Peking und Schanghai. Einen modernen städtischen Lebensstil verbindet diese Klientel mit genügend freier Kaufkraft für Unterhaltungs- und Lebenshilfeliteratur.

          Auch die großen Buchkonzerne sind meist in diesen ökonomischen und intellektuellen Zentren angesiedelt. Die von Zhou Baiyi geleitete "Changjiang Art and Literature Press" mit einem Jahresumsatz von etwa dreizehn Millionen Euro sitzt hingegen in Wuhan, Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei. Trotz ihrer 8,3 Millionen Einwohner und einer geschätzten Million Wanderarbeiter macht die idyllisch am Jangtse-Fluss gelegene Stadt den Eindruck eines verschlafenen Provinznestes, so beschaulich fließt der Verkehr dahin. Und auch Vergnügungsmeile und Skyline eifern dem großen Vorbild in Schanghai im Miniaturformat nach. Auf den ersten Blick vermutet man hier kaum die Kaderschmiede eines zukünftigen Weltbestsellers. Um einen solchen könnte es sich aber handeln, wenn sich die hohen Erwartungen der Penguin-Gruppe in den Roman "Wolf-Totem" von Jiang Rong erfüllen.

          Der chinesische Markt ist zunehmend für westliche Unternehmen attraktiv, die wegen der staatlichen Regulierungen aber nur Partnerschaften mit einheimischen Verlagen schließen dürfen oder sich auf den üblichen Lizenzhandel beschränken müssen. Um einen Fuß in der Tür zu haben, sollten sich in der Zukunft die Beschränkungen doch einmal lockern, setzt Penguin auf eine doppelte Strategie: Mit Übersetzungen englischsprachiger Klassiker ins Chinesische, die dank eines neuen Jointventure mit der "Chongqing Publishing Group" unter dem Namen und dem Logo von Penguin erscheinen können, wird die Marke etabliert. Andererseits sucht man nach geeigneten Werken chinesischer Autoren für den englischsprachigen Markt.

          Vier oder fünf Titel will Penguin jedes Jahr weltweit herausbringen. Einer der ersten ist "Wolf-Totem", angekündigt für 2007. An Boshun, der die internationalen Rechte für den Autor vertritt, hält den Lizenzverkauf für den bislang größten internationalen Deal eines volksrepublikanischen Titels. 100 000 Dollar Vorschuss und weitere zehn Prozent vom Umsatz seien für Spitzentitel im internationalen Lizenzhandel zwar eher niedrige Summen, für ein chinesisches Werk seien die Zahlen jedoch exorbitant. Das verlegerische Risiko ist hoch: eine halbe Million Exemplare im Hardcover zum Preis von dreißig Dollar sind als Startauflage für Australien, Neuseeland, Großbritannien und Nordamerika geplant. Für die Qualität der Übersetzung bürgt Howard Goldblatt, der sich einen Namen als Übersetzer anspruchsvoller chinesischer Gegenwartsliteratur erworben hat.

          Weitere Themen

          Warum ticken die Ossis so?

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.