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Gottfried Benn: Morgue und andere Gedichte : Für den Berliner Nahverkehr zu skandalös

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Manche Szene aus der „Morgue“ könnte es vom Ekelgrad jedenfalls durchaus mit der verfilmten Literaturgeschichte aufnehmen - man denke an die berühmte Angelszene aus dem „Blechtrommel“-Film, bei der ein Pferdekopf als Köcher für Aale dient. Aber der junge Benn war in dieser Hinsicht drastischer: Im Gedicht „Schöne Jugend“ beherbergt ein im Schilf gefundener Mädchenkörper eine Rattenfamilie, deren Junge in der zum Wirt degradierten Leiche eine „schöne Jugend“ verlebt hatten. Der anschließende Rattentod durch Ersäufen war „kurz und schön“.

Benns Verdruss über die effektheischerische Publikation hat jedenfalls endgültig die Legende destruiert, die besagte, dass der angehende Dichter bereits im Herbst 1911 auf Berliner Cabaret-Bühnen die Gedichte vorgetragen habe. Dass Benn damals anderes im Sinn gehabt haben dürfte, könnte auch der eigentliche Grund für deren Entstehung gewesen sein - und vielleicht eine Erklärung dafür, warum diese noch heute so lesenswert sind. Mit Ekligem und Anrüchigem allein kann man heute niemanden mehr hinterm Computer hervorlocken. Was also fasziniert uns noch heute an diesen Gedichten?

Der eigenen Rezeption Vorschub geleistet

Die „Morgue“-Gedichte berühren und verstören, weil sie von einer schwer aushaltbaren Spannung getragen sind, die Benn selbst als „suspendierten Tod“ bezeichnet hat. Der nur aufgeschobene Tod war nicht nur naturwissenschaftliche Gewissheit, der er im Anatomieunterricht begegnete, sondern hatte für Benn eine sehr persönliche Dimension: Das Dahinsiechen seiner krebskranken Mutter begleitete ihn beim Schreiben der Gedichte im Winterhalbjahr 1911/12. Dachte er an ihren bevorstehenden Tod, als er den Gang „durch die Krebsbaracke“ schilderte, in der man einer Sterbenden „erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß“ schnitt? Galt sein „Requiem“ auch ihrem Leib, der nun, „den Schädel auf, die Brust entzwei“, ein „allerletztes Mal“ „gebären“ sollte? Benns Mutter starb vierundfünfzigjährig, wenige Wochen nach Erscheinen der Gedichte 1912. Aus Rache, so deutete es Benn wenig später an, habe er die Gedichte geschrieben - aber an wem oder woran? Am Vater, der als Pastor den Sohn das angeblich von Gott gegebene Leid nicht lindern ließ? An der Medizin, die viel versprach, aber nichts ausrichten konnte? Vielleicht auch an der Ärztezunft, die mit dem Körper eines geliebten Menschen so pietätlos umsprang wie im Gedicht mit dem Ertrunkenen oder dem toten Mädchen? Oder gar an Gott, der all das zuließ?

Viel später erst liefert Benn poetologisch gut klingende Erklärungen, dass etwa die Gedichte damals in Moabit im Dämmerzustand wie von selbst „aufstiegen, sich heraufwarfen“, und leistete damit seiner jahrzehntelangen Rezeption als Rausch-Künstler Vorschub. Aber auch die Diagnose vom amoralischen, kalten Artisten, der sich mit zynischer Distanz das menschliche Leid vom Hals hielt, ist nur ein Teil der Wahrheit. Aufschluss gibt das eher unbekannte Gedicht „Mutter“, das ein Jahr später im Nachfolgeband „Söhne“ erschien. Darin ist von Rausch, Rache oder Kälte keine Spur, sondern nur von Schmerz und Trauer. Benn trägt den Verlust wie eine „Wunde“ auf der Stirn, „die sich nicht schließt“. Oft bemerke er das (Mutter-)Mal nicht einmal mehr, „nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre / Blut im Munde“. Im Sinne dieses „Mutter-Mals“ wird es Zeit, Benns “Morgue“-Gedichte gegen lange gültige Vorgaben zu lesen.

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