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: Gott spiegelt nicht

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Explosiv an diesem Buch sind zwei Dinge: das Atombomben-Titelbild, das eine Fotografie von Thomas Ruff verwendet, sowie die zugehörige Verlagsankündigung. Diese nämlich behandelt Javier Calvos Roman "Der spiegelnde Gott" - das Original erschien vor vier Jahren - als "Zäsur in der spanischen Literatur".

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          Explosiv an diesem Buch sind zwei Dinge: das Atombomben-Titelbild, das eine Fotografie von Thomas Ruff verwendet, sowie die zugehörige Verlagsankündigung. Diese nämlich behandelt Javier Calvos Roman "Der spiegelnde Gott" - das Original erschien vor vier Jahren - als "Zäsur in der spanischen Literatur". Die Neugier war geweckt: ein literarischer King Kong, der den poetischen Elfenbeinturm von außen erklimmt?

          Dass Calvo zuvor als Literaturkritiker und Übersetzer unter anderem von Ezra Pound, Richard Rorty, John M. Coetzee und David Foster Wallace tätig war, klang in der Tat vielversprechend. Zu erwarten war ein entschlossener Turmspringer, der die Chuzpe besäße, statt geschraubter Salti eine ehrliche und kraftvolle (pardon, so lautet das Fachwort) Arschbombe hinzulegen - selbst Thomas Ruffs wieder unscharfe Fotografie ist für Interpretationen in diese Richtung offen.

          Ein gewaltiger Platsch ist nun wirklich zu verzeichnen, denn selten trifft man auf ein dreihundertfünfundneunzigseitiges Buch, das dreihundertfünfundneunzig Seiten zu lang ist. Der Roman setzt den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile ungekannten Qualen der Langeweile aus, und zwar nicht allein durch stumpfe Einfallslosigkeit, sondern, weit schlimmer, durch prätentiös kaschierte stumpfe Einfallslosigkeit. Inhaltlich nicht über eine müde, wenn nicht gar entschlafene Karikatur einiger Bohemiens aus der Londoner B-Movie-Filmszene hinauskommend, was schon schlimm genug wäre (schließlich ist Lesezeit konvertibel mit Lebenszeit), möchte der wild gewordene Autor der öden Welt (also uns) einen dem Thomas Pynchon an Postmodernität nicht nachstehenden Kultroman vor den Latz knallen, der dabei subkulturell mindestens ans Apotheotische (will sagen: an "Pulp Fiction") grenzt.

          Doch er hat nicht die Statur dafür. Wahllos eingerührte Filmzitate, das Abtauchen in den niederen Stil, kleine Gewaltexkurse sowie die latenten Sexualneurosen aller Personen müssen genügen für den Zäsurroman. Der Titel nimmt bedeutungsheischend Bezug auf Marilyn Mansons todesverfallenen Schock-Rock-Song gleichen Namens, in dem - gut hundert Jahre nach Nietzsche - ein Ich aus reinem Interesse zu Gott spaziert und sich plötzlich selbst gegenübersteht. Calvo nun hat auch das Ich entsorgt: Gott ist tot, und niemanden interessiert es.

          Der Roman schildert die Entstehung eines Kampfkunst-Films des japanischen Regisseurs Matsuhiro Takei, der den ungeschminkten Titel "Tödlicher Schwachsinn" trägt und von der finalen Verblödung der Menschheit durch Elektrosmog handelt. Obwohl der wortkarge Regisseur bereits für sein cineastisches Opus "Die Mutanten von Hokkaido" gefeiert wurde, behandelt ihn die sex- und alkoholbesessene Londoner Produzentenriege reichlich ruppig. Zu dieser gehört an vorderster Stelle Spencer Sykes, ein tiefergelegter Prolet. Dieser hat hinter seiner rauhen Fassade ein weiches Hirn und produziert ausschließlich Sätze des Kalibers: "Ich will pissen, pissen, pissen (. . .) Bis diese ganze Scheißstadt und dieses Scheißland nur noch nach Spencer Sykes riechen."

          Noch häufiger aber übergibt er sich: "Die Leute kommen und gehen, nur dieses kiloweise Kotzen ändert sich nie und gibt dem ganzen einen unaussprechlichen Sinn." Der poetologische Anspruch neigt ganz der Rezeption zu: "Wir produzieren keinen intellektuellen Scheiß. Wir holen uns vor den Zuschauern keinen runter. Wir geben den Leuten, was sie sehen wollen, und scheißen auf irgendwelche Kunstansprüche." Es dürfte nicht ganz falsch sein, an dieser Stelle ein selbstreflexives Blinken am Zaunpfahl wahrzunehmen.

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