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: Gott liebt jene, die abkupfern

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Trachimbrod, ein kleiner Ort in der Ukraine, der durch den ersten Roman eines kaum fünfundzwanzigjährigen amerikanischen Juden in die Literaturgeschichte eingehen wird, existiert wirklich. Das heißt, Trachimbrod hat einmal existiert. Heute kündet nur noch ein Gedenkstein von dem Dorf, das am 18.

          Trachimbrod, ein kleiner Ort in der Ukraine, der durch den ersten Roman eines kaum fünfundzwanzigjährigen amerikanischen Juden in die Literaturgeschichte eingehen wird, existiert wirklich. Das heißt, Trachimbrod hat einmal existiert. Heute kündet nur noch ein Gedenkstein von dem Dorf, das am 18. März 1942 ausgelöscht wurde. Fünfzig Jahre nach dem Massaker wurde eine Inschrift enthüllt, die an 1204 jüdische Dorfbewohner erinnert, die von deutschen Faschisten ermordet wurden. Die Schrift ist in acht Sprachen in den Stein gemeißelt: Russisch, Ukrainisch, Hebräisch, Polnisch, Jiddisch, Englisch und Deutsch.

          Der Stein war das einzige, was noch an Trachimbrod erinnerte, als Jonathan Safran Foer vor einigen Jahren auf der Suche nach den abgeschnittenen Wurzeln seiner Familie in die Ukraine fuhr. Die Reise verlief ergebnislos, denn Trachimbrod war ausgelöscht, seine Häuser waren vom Erdboden getilgt, ihre Bewohner waren getötet oder geflohen. Foer fand nichts von dem, was er gesucht hatte, aber er entdeckte, daß er alles, was er brauchte, um sein Denkmal für Trachimbrod zu schaffen, bereits in sich trug. Er konnte eine verschwundene Welt neu erfinden, er mußte nur die entsprechende literarische Form dazu erschaffen. Wer das Wagnis unternimmt, die zahllosen authentischen Zeugnisse der Judenvernichtung von Primo Levi bis Imre Kertész um ein weiteres, fiktives Kapitel zu vermehren, für den hängt alles von der Form ab. Die Form ist das wichtigste.

          Auch die Angehörigen der Enkelgeneration sind noch immer von der Katastrophe der Großeltern geprägt. Aber anders als ihre Eltern, die mittlere Generation, die an der Last der Geschichte oft kaum weniger schwer trug als die unmittelbar Betroffenen, wissen die heute Zwanzig- bis Vierzigjährigen die Distanz zweier Generationen und eines halben Jahrhunderts zwischen sich und dem Genozid. Diese Distanz bedeutet auch Freiheit, eine Freiheit, die bei Foer zum literarischen Ereignis wird.

          Der Roman wird auf drei Ebenen erzählt. Zunächst ist da die Reise eines amerikanischen Juden in die Ukraine. Ihr Zweck: Familienforschung. Der junge Mann, der den Namen des Autors trägt, ist auf der Suche nach einer Frau namens Augustine. Sie hat den Großvater vor den Nazis gerettet und damit auch Jonathan das Leben geschenkt. Weil solche Unternehmungen unter amerikanischen Juden nichts Ungewöhnliches sind, kann Jonathan in der Ukraine auf die Dienste eines speziellen Reisebüros zurückgreifen. Die "Heritage Tours" sind ein Rädchen jener großen Erinnerungs- und Bewältigungsmaschinerie, die auch zum Erbe des Holocaust gehört. Das Reisebüro weist seinem Kunden einen Fahrer und einen Übersetzer zu. Dieser Übersetzer, ein junger, amerikabegeisterter Ukrainer namens Alex, ist die heimliche Hauptfigur des Romans. Aus seiner Feder stammen zwei der drei Teile, aus denen dieses Buch besteht: die Briefe, die Alex seinem Freund nach dessen Rückkehr in die Vereinigten Staaten schreibt, sowie, als Roman im Roman, die Geschichte der Suche nach der Lebensretterin Augustine. Die dritte Ebene des Buches, wiederum ein Roman im Roman, ist die Chronik des Schtetl Trachimbrod, die Jonathan in Amerika verfaßt hat.

          Kunstvoll wechselt Foer die Ebenen, läßt Jonathan mit überbordender Fantasie das Leben im Schtetl schildern und folgt dann Alex' Bericht über die Reise, die am Ende mehr über die Familie des jungen Übersetzers als über die jüdischen Vorfahren des Amerikaners zum Vorschein bringen wird. Dazwischen lesen wir die Briefe, die Alex an Jonathan nach Amerika schreibt, und in denen beide Romane im Roman ausgiebig kommentiert werden: Dokumente einer Freundschaft zwischen zwei angehenden Schriftstellern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Alex' Roman der Reise verwandelt sich vom skurrilen Road-Movie zur tragisch endenden Familienrecherche.

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