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Gisela von Wysocki: Wir machen Musik : Auf der Tonspur in die Vergangenheit

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Sie weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn: Gisela von Wysocki lässt in ihrer essayistischen Autobiographie "Wir machen Musik" die Dissonanz zwischen dem Leben im Nachkriegsberlin und der Schlagerwirklichkeit von damals erklingen.

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          Berlin in den fünfziger Jahren. Aus dem russisch besetzten Umland der Stadt ist die Familie nach Wilmersdorf umgezogen. In der Tanzschule Fink am Berliner Funkturm hat die Schülerin Gisela einen Tanzpartner, einen Gymnasiasten, der zwar einen flotten Foxtrott aufs Parkett legt, aber alle Musik jenseits der Zwölftontechnik vom Zeichen des Untergangs gebrandmarkt sieht und laut den Namen seines Gewährsmanns in den Saal ruft: Adorno. Wenig später findet die Schülerin in der Auslage einer Musikalienhandlung unter den Stichwörtern „Philosophie“ und „Neue Musik“ ein Buch, das sie immerhin so nachhaltig beeindruckt, dass sie beim Autor Theodor W. Adorno in Frankfurt Philosophie studieren wird. Wie gut aber, dass sich Gisela von Wysocki über das philosophische Verdikt hinwegsetzt und den Blick für die Welt des Elternhauses, zumal des Vaters, bewahrt hat. Uns würde sonst eine der originellsten neueren Autobiographien fehlen.

          Der Vater, Produktionsleiter der Lindström-Odeon-Schallplattenwerke, sorgte für die Schallplatteneinspielung beliebter Opern- und Operettenarien und aller erfolgreichen Chansons, Schlager und auch Schnulzen. Deren Multiplikatoren waren der Film und das Radio. Der Wohnort der Familie zur Zeit der Kindheit der Tochter lag im südwestlichen Weichbild Berlins. Hier konnte man den bekannten Filmschauspielern auf der Straße begegnen, auch kamen sie als Gäste ins Haus. Hier geriet man in Versuchung, das Leben für einen Film und den Film für das Leben zu nehmen. Aber der Vater gab nie seine Anhänglichkeit an das Varieté preis. Das erhielt ihm den Instinkt für das, was beim Publikum „ankam“, also verkaufssicher war.

          Zähneputzen mit Persil

          Der Tochter sind Titel der wichtigsten Lieder gegenwärtig geblieben: von „Du hast Glück bei den Frau'n, Bel ami“ über „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“, „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“, „Kann denn Liebe Sünde sein“, „Wir machen Musik, und so weiter bis zu „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“. Man glaubt kaum, auch wenn man einen Teil der Lieder selbst noch gehört hat, wie viele Ohrwürmer damals im Schwange waren, unlöslich verknüpft mit der Stimme von Willi Forst oder Willi Fritsch, Zarah Leander, Evelyn Künneke oder Ilse Werner. Im Zweiten Weltkrieg wurden diese Schlager zu Surrogaten vorenthaltenen Lebens. Für die Erinnerung aber sind sie zu Tonspuren des Vergangenen geworden - sie rufen einen bestimmten Moment, eine Situation des Lebens zurück.

          Die Tochter ahnt schon, dass sich die große Zeit des Vaters, die „gute alte Zeit“, zum Ende neigt. Nicht mehr sind um das Grammophon die Stühle gestellt wie um ein Konzertpodium (und nicht mehr werden in Wohnzimmern Tische und Stühle an die Seite gerückt, um Raum zu schaffen für den Tanz nach Melodien aus dem großen Schalltrichter). Sie selbst, die als Kind das Klavierspiel des Vaters, den „Irrwisch der Tasten“, bewunderte, hat Klavierunterricht genommen, und je vollkommener ihr Spiel wird, desto mehr distanziert sie sich von seinen Erfolgsproduktionen, von Liedern, bei denen die Eltern nachts zu vorgegebenen Rhythmen Texte zusammenbasteln, die dann so beginnen können: „Es sitzt ein Krokodil am Nil ... putzt sich die Zähne mit Persil“. Tastenschlagend hetzt die Tochter Bartóks „Allegro barbaro“ auf das Nil-Krokodil.

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